Bibliografie
Oberkieferrekonstruktion mit subperiostalen Implantaten bei einem Krebspatienten: Einjährige Nachbeobachtung
- 1 März 2022
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Pablo Garrido-Martínez, Norberto Quispe-López, Néstor Montesdeoca-García, Germán Esparza-Gómez, José-Luis Cebrián-Carretero
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35317297/
Oberkieferrekonstruktion mit subperiostalen Implantaten bei einem Krebspatienten: Einjährige Nachbeobachtung
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Maxillary reconstruction with subperiosteal implants in a cancer patient: A one-year follow-up
- Autoren: Pablo Garrido-Martínez, Norberto Quispe-López, Néstor Montesdeoca-García, Germán Esparza-Gómez, José-Luis Cebrián-Carretero
- Fachzeitschrift: Journal of Clinical and Experimental Dentistry (J Clin Exp Dent)
- Erscheinungsjahr: 2022
- DOI:4317/jced.59331
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantologische Rehabilitation nach einer ausgedehnten Tumorresektion im Oberkiefer zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Umfangreiche onkologische Eingriffe führen häufig zu einem erheblichen Verlust an Knochengewebe sowie zu einer tiefgreifenden Veränderung der anatomischen Strukturen. Dadurch wird die Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten oftmals erheblich erschwert oder sogar unmöglich.
Parallel dazu haben digitale Planungsverfahren, CAD/CAM-Technologien und additive Fertigungsmethoden die Möglichkeiten der patientenspezifischen Rekonstruktion deutlich erweitert. Individuell gefertigte subperiostale Implantate erleben dadurch eine Renaissance, da sie an die verbliebene knöcherne Anatomie angepasst werden können und somit eine Alternative für Patienten mit ausgeprägten Knochendefekten darstellen.
Die vorliegende Fallbeschreibung zeigt den vollständigen Behandlungsverlauf eines Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom des Oberkiefers und veranschaulicht, wie moderne digitale Implantologie in ein komplexes rekonstruktives Therapiekonzept integriert werden kann.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser Fallstudie war es, den gesamten therapeutischen Ablauf bei einem Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom des Oberkiefers zu dokumentieren – von der präoperativen Planung über die Tumorresektion bis hin zur definitiven implantatgetragenen prothetischen Rehabilitation. Besonderes Augenmerk lag auf der klinischen Umsetzbarkeit eines individuell angefertigten subperiostalen Implantats nach dem Scheitern einer ersten knöchernen Rekonstruktion. Die Autoren untersuchen damit, ob ein patientenspezifisches Implantat eine mögliche rekonstruktive Alternative in besonders komplexen onkologischen Situationen darstellen kann.
4. Methodik
Bei der Veröffentlichung handelt es sich um einen klinischen Fallbericht über einen 61-jährigen Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom des Oberkiefers. Nach einer virtuellen Operationsplanung erfolgten eine vollständige Oberkieferresektion sowie eine Rekonstruktion mittels mikrovaskulärem Fibulatransplantat mit drei Osteotomien. Bereits 72 Stunden nach dem Eingriff kam es infolge einer Thrombose der Gefäßanastomose zum Verlust des Transplantats, sodass dieses entfernt werden musste.
Neun Monate später wurde erneut eine digitale Operationsplanung durchgeführt. Auf dieser Grundlage entstand ein patientenspezifisches subperiostales Titanimplantat, das mittels Lasersintern gefertigt und mit maschinell bearbeiteten externen Implantatverbindungen ausgestattet wurde. Nach der Fixation an den nasomaxillären und zygomaticomaxillären Pfeilern erfolgte die implantatgetragene Versorgung mithilfe transgingivaler Abutments, einer offenen Abformtechnik sowie einer CAD/CAM-gefertigten Kobalt-Chrom-Gerüstkonstruktion mit feldspatkeramischer Verblendung. Die klinische Nachbeobachtungszeit betrug ein Jahr.
5. Wichtigste Ergebnisse
Trotz des Misserfolgs der primären Rekonstruktion mittels mikrovaskulärem Fibulatransplantat konnte durch das individuell gefertigte subperiostale Implantat eine erfolgreiche implantatgetragene Rehabilitation erreicht werden. Nach Angaben der Autoren verlief die Implantation ohne postoperative chirurgische Komplikationen. Nach Abschluss der Weichgewebeheilung wurde die definitive prothetische Versorgung durchgeführt und ermöglichte die Wiederherstellung von Funktion und Ästhetik.
Während der einjährigen Nachbeobachtung wurden weder chirurgische noch prothetische Komplikationen dokumentiert. Der Patient wurde vierteljährlich klinisch kontrolliert, wobei sowohl parodontale als auch prothetische Untersuchungen durchgeführt wurden. Nach einem Jahr wurde die Konstruktion vorübergehend entfernt, um die darunterliegende Mundschleimhaut vollständig zu reinigen, bevor sie erneut eingesetzt wurde.
Die Autoren bewerten diese Ergebnisse als Hinweis darauf, dass individuell gefertigte subperiostale Implantate in ausgewählten komplexen Fällen technisch erfolgreich eingesetzt werden können. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass weiterführende klinische Untersuchungen erforderlich sind, um den Stellenwert dieser Technik fundiert beurteilen zu können.
6. Klinische Analyse
Dieser Fallbericht zeigt das Potenzial individuell gefertigter subperiostaler Implantate bei Patienten mit ausgedehnten Oberkieferdefekten nach einer onkologischen Resektion. Die Besonderheit dieses klinischen Verlaufs liegt darin, dass die primäre Rekonstruktion mittels mikrovaskulärem Fibulatransplantat aufgrund einer frühen Gefäßthrombose scheiterte. Das patientenspezifische Implantat wurde daher nicht als primäre Rekonstruktionsmethode eingesetzt, sondern als alternative Lösung nach dem Versagen eines etablierten rekonstruktiven Verfahrens.
Ein wesentlicher Aspekt der Studie ist die konsequente Nutzung eines vollständig digitalen Workflows. Virtuelle Operationsplanung, CAD/CAM-Konstruktion und additive Fertigung ermöglichten die Herstellung eines Implantats, das exakt an die verbliebene knöcherne Anatomie angepasst wurde. Diese Individualisierung dürfte wesentlich zur stabilen Verankerung der Konstruktion sowie zur anschließenden prothetischen Versorgung beigetragen haben.
Aus klinischer Sicht sind die Ergebnisse der einjährigen Nachbeobachtung ermutigend. Weder chirurgische noch prothetische Komplikationen wurden während dieses Zeitraums beobachtet. Dennoch sollten diese Resultate mit der gebotenen Zurückhaltung interpretiert werden. Da lediglich ein einzelner Patient beschrieben wird, lassen sich weder Aussagen zur Langzeitstabilität noch zur Reproduzierbarkeit oder Überlegenheit gegenüber etablierten Rekonstruktionsverfahren ableiten.
Die Studie liefert daher keinen Beleg für eine generelle Änderung klinischer Behandlungskonzepte. Vielmehr zeigt sie, dass patientenspezifische subperiostale Implantate in ausgewählten Fällen eine zusätzliche rekonstruktive Option darstellen können, insbesondere wenn konventionelle Verfahren nicht erfolgreich waren oder aufgrund der individuellen anatomischen Situation nur eingeschränkt infrage kommen.
7. Klinische Anwendung
Die in diesem Fallbericht beschriebenen Ergebnisse legen nahe, dass individuell angefertigte subperiostale Implantate bei ausgewählten Patienten mit ausgeprägten Oberkieferdefekten nach einer Tumorresektion in Betracht gezogen werden können, wenn eine Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten nicht möglich ist. Die vorgestellte Behandlung basiert auf der Kombination aus digitaler Operationsplanung, CAD/CAM-Technologie und additiver Fertigung eines patientenspezifischen Titanimplantats.
Der dargestellte klinische Fall betrifft einen Patienten, bei dem eine Rekonstruktion mittels mikrovaskulärem Fibulatransplantat fehlgeschlagen war. Deshalb kann aus dieser Veröffentlichung keine allgemeine Empfehlung für den routinemäßigen Einsatz subperiostaler Implantate abgeleitet werden. Vielmehr zeigt sie eine mögliche Behandlungsoption für hochkomplexe rekonstruktive Situationen, deren Stellenwert durch weitere klinische Studien bestätigt werden muss.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen klinischen Fallbericht, der einem niedrigen Evidenzniveau entspricht. Obwohl die Arbeit eine detaillierte Beschreibung eines innovativen rekonstruktiven Vorgehens liefert, erlaubt sie keine Aussagen über die langfristige Wirksamkeit, die Reproduzierbarkeit oder einen möglichen Vorteil gegenüber anderen rekonstruktiven Verfahren.
Mehrere Einschränkungen sollten bei der Interpretation berücksichtigt werden. Die Untersuchung umfasst lediglich einen einzigen Patienten, verfügt über keine Kontrollgruppe und berichtet über einen Nachbeobachtungszeitraum von einem Jahr. Die Ergebnisse besitzen daher in erster Linie explorativen Charakter und können nicht ohne Weiteres auf andere Patientenkollektive übertragen werden. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass weitere klinische Studien erforderlich sind, um den Stellenwert individuell gefertigter subperiostaler Implantate bei schwerer Kieferatrophie oder nach ausgedehnten onkologischen Eingriffen besser beurteilen zu können.
Hinsichtlich der Transparenz geben die Autoren ausdrücklich an, keine Interessenkonflikte zu haben. Hinweise auf eine finanzielle Unterstützung oder industrielle Einflussnahme werden in den vorliegenden Informationen nicht genannt.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Klinischer Fallbericht.
- Evidenzniveau: Niedrig (Einzelfallbericht).
- Studienpopulation: Ein Patient mit einem Plattenepithelkarzinom des Oberkiefers.
- Anzahl der Patienten:
- Anzahl der Implantate: In den vorliegenden Angaben nicht spezifiziert. Beschrieben wird ein individuell gefertigtes subperiostales Implantat mit mehreren prothetischen Verbindungen.
- Nachbeobachtungszeit: 1 Jahr.
- Primärer Bewertungsparameter: Klinische Durchführbarkeit einer Oberkieferrekonstruktion und implantatgetragenen Rehabilitation mithilfe eines patientenspezifischen subperiostalen Implantats nach einer ausgedehnten onkologischen Resektion.
- Hauptergebnis: Die individuelle Rekonstruktion ermöglichte eine funktionelle implantatgetragene Versorgung ohne dokumentierte chirurgische oder prothetische Komplikationen während der einjährigen Nachbeobachtung.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Individuell gefertigte subperiostale Implantate könnten bei ausgewählten Patienten mit komplexen Oberkieferdefekten eine rekonstruktive Alternative darstellen. Zur Bestätigung dieser Ergebnisse sind jedoch Studien mit höherem Evidenzniveau erforderlich.
- Wesentliche Limitationen: Einzelfallbericht, keine Vergleichsgruppe und eine auf ein Jahr begrenzte Nachbeobachtungszeit.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Arbeit trägt zur aktuellen wissenschaftlichen Diskussion über die Wiederbelebung subperiostaler Implantate bei, deren Einsatz durch moderne digitale Technologien grundlegend verändert wurde. Während diese Implantate in der Vergangenheit aufgrund aufwendiger Herstellungsverfahren und unzureichender Passgenauigkeit weitgehend verlassen wurden, ermöglichen virtuelle Planung, CAD/CAM-Technologien und additive Fertigung heute die Herstellung hochpräziser patientenspezifischer Implantatstrukturen.
Der wissenschaftliche Wert dieser Veröffentlichung liegt weniger in einem Wirksamkeitsnachweis als vielmehr in der Demonstration der technischen und klinischen Machbarkeit eines vollständig digitalen rekonstruktiven Workflows nach komplexer Tumorchirurgie. Die Studie zeigt, dass personalisierte Implantatlösungen auch nach dem Scheitern etablierter Rekonstruktionsverfahren eine therapeutische Option darstellen können.
Aufgrund ihres niedrigen Evidenzniveaus erlaubt die Arbeit jedoch keine Rückschlüsse auf die langfristige Prognose oder die generelle Überlegenheit dieses Verfahrens. Vielmehr liefert sie erste klinische Erfahrungen, die als Grundlage für zukünftige prospektive Untersuchungen mit größeren Patientenkollektiven, längeren Nachbeobachtungszeiten und standardisierten Endpunkten dienen können.
11. Redaktionelles Fazit
Dieser Fallbericht zeigt, dass ein individuell entwickeltes subperiostales Implantat, das auf einer vollständig digitalen Planung basiert, eine erfolgreiche implantatgetragene Rehabilitation nach einer ausgedehnten Oberkieferresektion ermöglichen kann. Trotz des günstigen klinischen Verlaufs über einen Zeitraum von einem Jahr sollten die Ergebnisse aufgrund des niedrigen Evidenzniveaus mit Vorsicht interpretiert werden. Dennoch stellt die Studie einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung personalisierter rekonstruktiver Implantatkonzepte dar und unterstreicht das Potenzial digital gefertigter Implantatlösungen für ausgewählte Patienten mit komplexen maxillofazialen Defekten.
