Bibliografie
Bewertung der Knochenneubildung und Osseointegration von subperiostalen Titanimplantaten mittels Histometrie und Nanoindentation
- 30 Oktober 2015
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Arbeitsablauf und Herstellung Klinische Studien und Fallberichte
Noel Claffey, Haitham Bashara, Peter O’Reilly, Ioannis Polyzois
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26394334/
Bewertung der Knochenneubildung und Osseointegration von subperiostalen Titanimplantaten mittels Histometrie und Nanoindentation
1. Wissenschaftliche Referenz
- Titel der Studie: Bewertung der Knochenneubildung und Osseointegration von subperiostalen Titanimplantaten mittels Histometrie und Nanoindentation
- Autoren: Noel Claffey, Haitham Bashara, Peter O’Reilly, Ioannis Polyzois
- Fachzeitschrift: The International Journal of Oral & Maxillofacial Implants
- Erscheinungsjahr: 2015
- DOI: 10.11607/jomi.3647
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Versorgung stark atrophierter Kiefer stellt in der oralen Implantologie nach wie vor eine therapeutische Herausforderung dar. Subperiostale Implantate wurden bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt, verloren jedoch mit dem Erfolg enossaler Implantatsysteme zunehmend an Bedeutung. Fortschritte in der digitalen Bildgebung, der CAD/CAM-gestützten Fertigung sowie moderne Titanoberflächen haben das Interesse an dieser Implantatform jedoch erneut geweckt.
Da subperiostale Implantate lediglich von einer vergleichsweise dünnen Knochenneubildung bedeckt werden, ist nicht nur das Ausmaß der Knochenbildung entscheidend, sondern auch deren biomechanische Qualität. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie sowohl die histologische Osseointegration als auch die Materialeigenschaften des neu gebildeten Knochens mithilfe der Nanoindentation.
3. Ziel der Studie
Ziel der Untersuchung war es, die Menge und Qualität des neu gebildeten Knochens rund um rau strukturierte subperiostale Titanimplantate nach einer Einheilzeit von drei Monaten zu analysieren. Darüber hinaus sollte geprüft werden, ob die Implantation in einem vorbereiteten Knochenbett gegenüber einer direkten Auflage auf der Kortikalis Vorteile hinsichtlich der Osseointegration bietet. Zusätzlich wurde die Eignung der Nanoindentation zur Bewertung der mechanischen Eigenschaften des periimplantären Knochens untersucht.
4. Methodik
Bei dieser präklinischen Tierstudie wurden zehn sechs Monate alte weiße Kaninchen untersucht. Jedes Tier erhielt beidseits am Femur jeweils ein subperiostales Titanimplantat. Auf einer Seite erfolgte die Fixation ausschließlich mittels Osteosyntheseschrauben, während auf der Gegenseite zusätzlich eine flache knöcherne Rinne („Trough“) angelegt wurde, in welche das Implantat eingebettet wurde.
Nach einer Heilungsphase von drei Monaten wurden die Präparate entnommen und histometrisch ausgewertet. Erfasst wurden der direkte Knochen-Implantat-Kontakt, die Länge der neu gebildeten Knochenauflagerung sowie deren Fläche. Ergänzend erfolgte eine Nanoindentationsanalyse zur Bestimmung von Elastizitätsmodul und Härte des neu gebildeten sowie des kortikalen Knochens. Zwei Versuchstiere verstarben während der Einheilphase.
5. Zentrale Ergebnisse
Die Implantate, die in einer vorbereiteten Knochenrinne inseriert wurden, erzielten in sämtlichen histometrischen Parametern bessere Ergebnisse als die direkt auf der Kortikalis fixierten Implantate.
Der durchschnittliche Knochen-Implantat-Kontakt betrug 86,5 % gegenüber 76,5 % bei der konventionellen Fixation. Auch die mittlere Länge der Knochenneubildung war in der Trough-Gruppe größer (1,78 mm gegenüber 1,50 mm). Ebenso zeigte sich eine deutlich größere Fläche neu gebildeten Knochens (1,91 mm² gegenüber 1,30 mm²). Sämtliche Unterschiede waren statistisch signifikant.
Die Nanoindentationsmessungen ergaben, dass der neu gebildete Knochen hinsichtlich Elastizitätsmodul und Härte dem bereits vorhandenen kortikalen Knochen nach drei Monaten noch unterlegen war. Die Knochenneubildung war somit zwar biologisch etabliert, jedoch biomechanisch noch nicht vollständig ausgereift.
6. Klinische Einordnung
Die Studie verdeutlicht, dass eine erfolgreiche Osseointegration nicht ausschließlich anhand des Ausmaßes der Knochenneubildung beurteilt werden sollte. Während histologische Untersuchungen eine gute Knochenanlagerung zeigen können, liefern biomechanische Analysen zusätzliche Informationen über den Reifegrad des neu entstandenen Gewebes.
Gerade bei subperiostalen Implantaten, die vor allem bei ausgeprägter Kieferatrophie als mögliche Behandlungsoption diskutiert werden, besitzt die Qualität des periimplantären Knochens eine besondere Bedeutung. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass eine vorbereitete Knochenrinne die frühe biologische Integration fördern kann. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass eine dreimonatige Einheilphase offenbar nicht ausreicht, um die mechanischen Eigenschaften des neu gebildeten Knochens an jene des reifen kortikalen Knochens anzugleichen.
Darüber hinaus zeigt die Arbeit, dass die Nanoindentation eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Histomorphometrie darstellen kann, da sie Informationen über die Materialeigenschaften des Knochens liefert, die mit rein morphologischen Verfahren nicht erfasst werden.
7. Klinische Bedeutung
Die Ergebnisse dieser präklinischen Untersuchung können zur Weiterentwicklung moderner subperiostaler Implantatsysteme beitragen, insbesondere für Patienten mit ausgeprägter alveolärer Knochenatrophie.
Die Studie legt nahe, dass die chirurgische Gestaltung des Implantatlagers Einfluss auf die frühe Knochenintegration haben kann. Gleichzeitig unterstreicht sie die Bedeutung einer ausreichenden Knochenreifung vor einer möglichen funktionellen Belastung.
Da ausschließlich ein Tiermodell untersucht wurde, lassen sich aus den vorliegenden Daten jedoch keine unmittelbaren klinischen Therapieempfehlungen für den Menschen ableiten.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine präklinische experimentelle Tierstudie, deren Aussagekraft für die klinische Anwendung naturgemäß begrenzt ist.
Zu den wesentlichen Einschränkungen zählen die geringe Stichprobengröße, das Tiermodell sowie die auf drei Monate begrenzte Beobachtungsdauer. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass dieser Zeitraum für eine vollständige Knochenreifung wahrscheinlich nicht ausreichend ist.
Interessenkonflikte wurden von den Autoren ausdrücklich nicht angegeben.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Präklinische Tierstudie
- Evidenzniveau: Präklinische experimentelle Forschung
- Studienpopulation: 10 Kaninchen (16 Implantate ausgewertet)
- Anzahl der Implantate: Zwei subperiostale Titanimplantate pro Tier
- Nachbeobachtungszeit: 3 Monate
- Primärer Endpunkt: Osseointegration sowie biomechanische Eigenschaften des neu gebildeten Knochens
- Hauptergebnis: Die Implantation in einer vorbereiteten Knochenrinne führte zu einer signifikant verbesserten Knochenintegration.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Obwohl die Trough-Technik die frühe Osseointegration förderte, erreichte der neu gebildete Knochen nach drei Monaten noch nicht die mechanischen Eigenschaften des reifen kortikalen Knochens.
- Limitationen: Tierexperiment, begrenzte Fallzahl, kurze Beobachtungszeit, keine Langzeitdaten.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Die Studie erweitert die wissenschaftliche Evidenz zur biologischen Integration moderner subperiostaler Implantate. Besonders hervorzuheben ist die Kombination aus klassischer Histometrie und Nanoindentation, wodurch sowohl die Quantität als auch die Qualität des neu gebildeten Knochens bewertet werden konnten.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die mechanische Reifung des periimplantären Knochens nicht zwangsläufig parallel zur histologisch nachweisbaren Osseointegration verläuft. Damit liefert die Untersuchung wertvolle Grundlagen für zukünftige präklinische und klinische Studien, die sich mit der Optimierung subperiostaler Implantatsysteme sowie deren Langzeitverhalten beschäftigen.
11. Redaktionelles Fazit
Diese präklinische Studie zeigt, dass subperiostale Titanimplantate von einer Implantation in einer vorbereiteten Knochenrinne hinsichtlich der frühen Osseointegration profitieren können. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die mechanische Qualität des neu gebildeten Knochens nach drei Monaten noch hinter jener des etablierten kortikalen Knochens zurückbleibt. Die Ergebnisse liefern wichtige experimentelle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung moderner subperiostaler Implantatkonzepte, bedürfen jedoch einer Bestätigung durch klinische Langzeitstudien am Menschen.
