Bibliografie
Langzeitergebnisse additiv gefertigter subperiostaler Implantate zur Behandlung der stark atrophierten Maxilla
- 20 Mai 2025
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Jan Łoginoff, Agata Majos, Marcin Elgalal
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40399182/
Langzeitergebnisse additiv gefertigter subperiostaler Implantate zur Behandlung der stark atrophierten Maxilla
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Long-term clinical results of additively manufactured subperiosteal implants for the treatment of the severely atrophic maxilla
- Autoren: Jan Łoginoff, Agata Majos, Marcin Elgalal
- Fachzeitschrift: Journal of Cranio-Maxillofacial Surgery
- Erscheinungsjahr: 2025
- DOI: 10.1016/j.jcms.2025.04.021
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Versorgung von Patienten mit einer ausgeprägten Oberkieferatrophie gehört nach wie vor zu den anspruchsvollsten Aufgaben der modernen Implantologie. Ist das vorhandene Knochenangebot für die Insertion konventioneller enossaler Implantate nicht ausreichend, kommen häufig aufwendige Knochenaugmentationsverfahren oder andere rekonstruktive Maßnahmen zum Einsatz. Diese Behandlungsstrategien sind jedoch oftmals mit mehreren chirurgischen Eingriffen, verlängerten Heilungszeiten und einer erhöhten Morbidität verbunden, wodurch sie insbesondere bei älteren oder allgemeinmedizinisch belasteten Patienten an ihre Grenzen stoßen können.
Die rasante Entwicklung digitaler Bildgebung, CAD/CAM-Technologien und additiver Fertigungsverfahren hat das Interesse an patientenspezifischen subperiostalen Implantaten erneut geweckt. Individuell konstruierte Titanimplantate ermöglichen eine anatomisch präzise Anpassung an den Kieferknochen und könnten dadurch die chirurgische Invasivität reduzieren. Langfristige klinische Daten zu dieser Therapieform sind jedoch bislang nur begrenzt verfügbar. Die vorliegende Studie untersucht deshalb die langfristigen klinischen Ergebnisse individuell gefertigter DMLS-Implantate bei Patienten mit schwerer Maxillaatrophie.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser retrospektiven Untersuchung war die Bewertung der langfristigen klinischen Ergebnisse patientenspezifischer subperiostaler Oberkieferimplantate aus Titanlegierung, die mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) hergestellt wurden. Im Mittelpunkt standen die Implantatüberlebensrate, die klinische Stabilität, radiologische Befunde sowie frühe und späte Komplikationen bei Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie, für die eine konventionelle Implantatversorgung nicht infrage kam.
4. Methodik
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine retrospektive klinische Fallserie mit zehn Patienten, die eine schwere Oberkieferatrophie entsprechend den Klassen IV bis VI nach Cawood und Howell aufwiesen. Aufgrund des ausgeprägten Knochenverlustes galten alle Patienten als ungeeignet für eine konventionelle Versorgung mit enossalen Implantaten.
Die Implantate wurden auf Grundlage computertomographischer Datensätze digital mittels CAD/CAM geplant und anschließend aus einer Titanlegierung durch Direct Metal Laser Sintering hergestellt. Die Nachuntersuchungen umfassten klinische und radiologische Kontrollen zur Beurteilung der Implantatanpassung, der Stabilität, der Implantatüberlebensrate sowie möglicher postoperativer Komplikationen. Der maximale Nachbeobachtungszeitraum betrug zehn Jahre für die zuerst behandelten Patienten.
5. Hauptergebnisse
Im Rahmen dieser Studie wurden insgesamt zehn patientenspezifische subperiostale Oberkieferimplantate inseriert. Während des Nachbeobachtungszeitraums blieben acht Implantate klinisch stabil und funktionstüchtig. Zwei Implantate mussten hingegen explantiert werden, da eine unzureichende Passgenauigkeit der Implantatstruktur mit wiederkehrenden Infektionen verbunden war.
Die radiologischen Verlaufskontrollen der erfolgreich behandelten Patienten zeigten stabile Knochenverhältnisse mit lediglich geringfügigen Anzeichen einer Knochenresorption. Früh postoperative Komplikationen beschränkten sich überwiegend auf Schwellungen und vorübergehende Beschwerden, die ohne funktionelle Beeinträchtigung vollständig abklangen. Spätkomplikationen wurden nur in zwei Fällen dokumentiert.
Besonders hervorzuheben ist, dass sämtliche Implantate, die im Jahr 2015 eingesetzt wurden, nach zehn Jahren weiterhin vollständig funktionstüchtig waren. Die Kaplan-Meier-Analyse ergab eine geschätzte Implantatüberlebenswahrscheinlichkeit von 80 % nach zehn Jahren. Darüber hinaus beschreiben die Autoren ein chirurgisches Konzept mit einer begrenzten Anzahl von sieben bis zehn Fixationsschrauben, die ausschließlich in präoperativ identifizierten Bereichen ausreichender Knochenstärke platziert wurden. Um die langfristige Stabilität unter den schwierigen anatomischen Bedingungen zu unterstützen, erfolgte die prothetische Versorgung bewusst erst etwa fünf Monate nach der Implantation.
6. Klinische Analyse
Die besondere Stärke dieser Untersuchung liegt in der langen Nachbeobachtungszeit, da belastbare klinische Daten über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren für additiv gefertigte subperiostale Implantate bislang nur in begrenztem Umfang verfügbar sind. Die Studie liefert damit wichtige Informationen zur Dauerhaftigkeit einer patientenspezifischen Versorgungsstrategie bei Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie, für die konventionelle enossale Implantate keine therapeutische Option darstellen.
Ein wesentlicher Aspekt der vorgestellten Behandlung ist die konsequente Nutzung eines vollständig digitalen Workflows. Die Kombination aus computertomographischer Diagnostik, virtueller CAD/CAM-Planung und DMLS-Fertigung ermöglicht die Herstellung individuell angepasster Implantatstrukturen, die sich an den anatomischen Gegebenheiten des jeweiligen Patienten orientieren. Nach Angaben der Autoren konnte dadurch die Anzahl der notwendigen Fixationspunkte reduziert werden, während die Eingriffe ambulant und unter Lokalanästhesie durchgeführt wurden.
Ebenso aufschlussreich sind die dokumentierten Misserfolge. Beide Implantatverluste standen in Zusammenhang mit einer unzureichenden Passung des Implantats sowie rezidivierenden Infektionen. Diese Beobachtung unterstreicht die zentrale Bedeutung einer präzisen digitalen Planung und einer möglichst exakten Implantatherstellung für den langfristigen Behandlungserfolg.
Trotz der positiven Ergebnisse sollten die Daten mit der notwendigen wissenschaftlichen Zurückhaltung interpretiert werden. Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns, der geringen Patientenzahl und des fehlenden Vergleichskollektivs lässt sich keine Aussage über eine mögliche Überlegenheit gegenüber Knochenaugmentationsverfahren, Jochbeinimplantaten oder anderen rekonstruktiven Therapiekonzepten treffen. Vielmehr liefert die Studie Hinweise darauf, dass individuell gefertigte subperiostale Implantate bei sorgfältig ausgewählten Patienten eine realistische Behandlungsoption darstellen können, deren klinische Bedeutung durch zukünftige prospektive Untersuchungen weiter validiert werden sollte.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass patientenspezifische, mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) gefertigte subperiostale Implantate eine sinnvolle Behandlungsoption für Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie darstellen können, wenn eine Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten aufgrund unzureichenden Knochenangebots nicht möglich ist. Alle in die Studie eingeschlossenen Patienten wiesen eine Atrophie der Klassen IV bis VI nach Cawood und Howell auf und waren daher für eine klassische Implantattherapie nicht geeignet.
Das beschriebene Behandlungskonzept basiert auf einem vollständig digitalen Workflow, der die computertomographische Diagnostik, die virtuelle CAD/CAM-Planung sowie die additive Fertigung patientenspezifischer Titanimplantate miteinander kombiniert. Nach Angaben der Autoren ermöglichte dieses Vorgehen eine individuelle Anpassung des Implantats an die anatomischen Gegebenheiten sowie eine selektive Fixation in Bereichen mit ausreichender Knochenstärke. Die chirurgischen Eingriffe wurden unter Lokalanästhesie ambulant durchgeführt. Die prothetische Versorgung erfolgte bewusst erst nach einer Einheilphase von etwa fünf Monaten, um die langfristige Stabilität des Implantats zu unterstützen.
Die vorliegenden Daten erlauben jedoch keine Schlussfolgerung, dass dieses Verfahren etablierte Rekonstruktionsmethoden oder andere implantologische Konzepte ersetzen sollte. Vielmehr sprechen die Ergebnisse dafür, dass individuell gefertigte subperiostale Implantate eine mögliche Alternative für sorgfältig ausgewählte Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie darstellen können.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Publikation handelt es sich um eine retrospektive klinische Fallserie, die einem niedrigen bis moderaten Evidenzniveau zuzuordnen ist. Obwohl die Studie wertvolle Langzeitdaten liefert, erlaubt ihr Studiendesign keine Aussagen über eine Überlegenheit gegenüber anderen implantologischen oder rekonstruktiven Therapieverfahren.
Mehrere methodische Einschränkungen sollten bei der Interpretation berücksichtigt werden. Die Untersuchung umfasst lediglich zehn Patienten, verfügt über keine Kontrollgruppe und untersucht ein sehr spezifisches Patientenkollektiv mit ausgeprägter Oberkieferatrophie. Dadurch ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Patientengruppen begrenzt. Darüber hinaus weisen die Autoren selbst darauf hin, dass größere Studien mit längeren Nachbeobachtungszeiträumen erforderlich sind, um die klinischen Ergebnisse weiter zu bestätigen und die Behandlungsprotokolle zu optimieren.
Informationen zu Interessenkonflikten, finanzieller Förderung oder Beziehungen der Autoren zu Implantatherstellern sind in den bereitgestellten Unterlagen nicht angegeben. Auf Grundlage der verfügbaren Informationen lassen sich daher hierzu keine Aussagen treffen.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Retrospektive klinische Fallserie.
- Evidenzniveau: Niedrig bis moderat.
- Studienpopulation: 10 Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie (Cawood-und-Howell-Klassen IV–VI).
- Anzahl der Implantate: 10 patientenspezifische subperiostale Titanimplantate, hergestellt mittels DMLS.
- Maximale Nachbeobachtungszeit: Bis zu 10 Jahre.
- Primärer Endpunkt: Implantatüberleben, klinische Stabilität, radiologische Befunde und postoperative Komplikationen.
- Wichtigstes Ergebnis: Acht Implantate blieben während des gesamten Beobachtungszeitraums funktionstüchtig; zwei mussten aufgrund unzureichender Passung und rezidivierender Infektionen entfernt werden. Die Kaplan-Meier-Analyse ergab eine geschätzte Implantatüberlebenswahrscheinlichkeit von 80 % nach zehn Jahren.
- Weitere Beobachtungen: In den erfolgreichen Fällen zeigten sich stabile Knochenverhältnisse mit geringer Resorption; sämtliche im Jahr 2015 inserierten Implantate waren nach zehn Jahren weiterhin funktionell.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Individuell gefertigte DMLS-subperiostale Titanimplantate stellen eine vielversprechende Behandlungsoption für ausgewählte Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie dar, bei denen eine konventionelle Implantattherapie nicht möglich ist.
- Wesentliche Limitationen: Kleine Fallzahl, retrospektives Studiendesign, fehlende Kontrollgruppe sowie der Bedarf an größeren prospektiven Langzeitstudien.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie erweitert die bislang verfügbare Evidenz zu patientenspezifischen subperiostalen Implantaten, die mittels additiver Fertigung hergestellt werden, insbesondere im Hinblick auf ihre langfristige klinische Leistungsfähigkeit. Ein wesentlicher Beitrag der Arbeit besteht darin, dass sie Nachbeobachtungsdaten über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren präsentiert – ein Beobachtungszeitraum, der für diese Implantattechnologie bislang nur selten dokumentiert wurde.
Darüber hinaus veranschaulicht die Untersuchung die klinische Umsetzung eines vollständig digitalen Behandlungsablaufs, der computertomographische Diagnostik, CAD/CAM-gestützte Implantatplanung und die additive Fertigung mittels Direct Metal Laser Sintering miteinander verbindet. Die Ergebnisse zeigen, dass individuell gefertigte Implantatstrukturen bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie langfristig funktionell eingesetzt werden können, wenn konventionelle implantologische Verfahren keine geeignete Behandlungsoption darstellen.
Gleichzeitig verdeutlicht die Studie die Grenzen der derzeit verfügbaren Evidenz. Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns, der kleinen Stichprobe und des fehlenden Vergleichskollektivs lassen sich keine Aussagen über eine Überlegenheit gegenüber Knochenaugmentationsverfahren, Jochbeinimplantaten oder anderen rekonstruktiven Therapiekonzepten treffen. Vielmehr liefert die Arbeit wichtige Langzeitbeobachtungen, die als Grundlage für zukünftige prospektive Studien mit größeren Patientenkollektiven und standardisierten Vergleichsprotokollen dienen können.
11. Redaktionelles Fazit
Die vorliegende Studie liefert wertvolle Langzeitdaten zur Anwendung patientenspezifischer, additiv gefertigter subperiostaler Titanimplantate bei Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie. Die berichteten Ergebnisse sprechen dafür, dass diese digitale Behandlungsstrategie in ausgewählten Fällen eine langfristig stabile implantologische Rehabilitation ermöglichen kann, wenn konventionelle Implantatkonzepte nicht umsetzbar sind. Aufgrund der begrenzten Patientenzahl und des retrospektiven Studiendesigns sollten die Resultate jedoch mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung interpretiert werden. Größere prospektive Untersuchungen werden erforderlich sein, um die klinische Rolle dieser Technologie innerhalb der modernen Implantologie weiter zu definieren und ihre langfristige Evidenzbasis zu stärken.
