Bibliografie
Herstellung einer implantatgetragenen Unterkiefer-Deckprothese auf einem bestehenden subperiostalen Implantat: Ein klinischer Fallbericht
- 3 April 2024
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Mahnaz Arshad, Nourin Khoramshahi, Gholamreza Shirani
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38571903/
Herstellung einer implantatgetragenen Unterkiefer-Deckprothese auf einem bestehenden subperiostalen Implantat: Ein klinischer Fallbericht
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studietel: Fabrication of a mandibular implant-retained overdenture using an existing subperiosteal implant: A clinical report
- Autoren: Mahnaz Arshad, Nourin Khoramshahi, Gholamreza Shirani
- Fachzeitschrift: Clinical Case Reports
- Erscheinungsjahr: 2024
- DOI:1002/ccr3.8662
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Rehabilitation vollständig zahnloser Patienten mit ausgeprägter Unterkieferatrophie zählt zu den anspruchsvollsten Herausforderungen der modernen Implantologie und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Der fortschreitende Knochenabbau nach Zahnverlust reduziert nicht nur die Möglichkeiten einer konventionellen enossalen Implantation, sondern erhöht auch die Anfälligkeit des atrophischen Unterkiefers für Frakturen. Dadurch sind alternative chirurgische und prothetische Versorgungskonzepte erforderlich.
Dank moderner dreidimensionaler Bildgebung, digitaler Implantatplanung und additiver Fertigung haben patientenspezifische subperiostale Implantate in den letzten Jahren erneut an Bedeutung gewonnen. Sie stellen insbesondere bei stark resorbierten Kieferkämmen eine mögliche Behandlungsoption dar, wenn konventionelle Implantate oder umfangreiche Knochenaugmentationen nicht realisierbar sind. Der vorliegende Fallbericht beschreibt eine außergewöhnliche klinische Situation, in der ein individuell gefertigtes subperiostales Implantat zunächst zur Stabilisierung einer Unterkieferfraktur eingesetzt und anschließend als Grundlage einer implantatgetragenen Deckprothese genutzt wurde. Gleichzeitig verdeutlicht die Arbeit die zentrale Bedeutung einer frühzeitigen interdisziplinären Behandlungsplanung zwischen Chirurgie und Prothetik.
3. Ziel der Studie
Ziel dieses klinischen Fallberichts war die Darstellung der prothetischen Rehabilitation einer vollständig zahnlosen Patientin, bei der zuvor ein individuell angefertigtes subperiostales Unterkieferimplantat zur Versorgung einer Fraktur eingesetzt worden war. Besonderes Augenmerk lag auf der Lösung eines prothetischen Problems, das durch zu kurze Kugelattachments entstand, welche während der Heilungsphase vollständig von Weichgewebe bedeckt wurden. Darüber hinaus wollten die Autoren die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen sowie Prothetikern bei komplexen implantologischen Rehabilitationen hervorheben.
4. Methodik
Bei der Veröffentlichung handelt es sich um einen klinischen Fallbericht, der zwar nur eine geringe Evidenzstufe besitzt, jedoch wertvolle Informationen zu einer seltenen klinischen Situation liefert.
Beschrieben wird die Behandlung einer 64-jährigen vollständig zahnlosen Patientin, die ihre Totalprothese seit etwa drei Jahrzehnten trug und infolgedessen eine ausgeprägte Atrophie des Unterkieferknochens entwickelt hatte. Nach einem Sturz wurde eine fehlverheilte Unterkieferfraktur diagnostiziert. Aufgrund des unzureichenden Knochenangebots schied die Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten aus. Stattdessen erfolgte die Stabilisierung der Fraktur mithilfe eines individuell gefertigten subperiostalen Implantats.
Nach Abschluss der Heilungsphase zeigte sich, dass die Kugelattachments des Implantats aufgrund ihrer unzureichenden Höhe vollständig unter der keratinisierten Schleimhaut lagen. Ein chirurgischer Freilegungsversuch führte nicht zu einem dauerhaften Erfolg. Daher entwickelten die Autoren ein individuell konstruiertes Verbindungselement, das die Attachmenthöhe vergrößerte und dadurch die Anfertigung einer implantatgetragenen Unterkiefer-Deckprothese ermöglichte. Die prothetische Versorgung umfasste individuelle Abformungen, die Herstellung eines Meistermodells, eine Kobalt-Chrom-Gerüstkonstruktion sowie die Eingliederung der definitiven Prothese. Die klinische Nachbeobachtung erstreckte sich über fünf Jahre.
5. Wichtigste Ergebnisse
Die entwickelte prothetische Lösung ermöglichte eine erfolgreiche funktionelle Nutzung des bereits vorhandenen subperiostalen Implantats, obwohl dessen ursprüngliche Kugelattachments für eine konventionelle prothetische Versorgung ungeeignet waren. Durch die Anfertigung eines individuell gestalteten Verbindungselements konnten die Attachments über das Niveau des Weichgewebes angehoben werden, ohne das bereits integrierte Implantat chirurgisch verändern oder ersetzen zu müssen.
Nach Eingliederung der implantatgetragenen Unterkiefer-Deckprothese berichteten die Autoren über eine deutliche Verbesserung des äußeren Erscheinungsbildes sowie der Sprachfunktion der Patientin. Die Nachsorge erfolgte zunächst in kurzen Intervallen unmittelbar nach der Eingliederung der Prothese und anschließend im Rahmen jährlicher Kontrolluntersuchungen. Während des fünfjährigen Beobachtungszeitraums wurden weder implantologische noch prothetische Komplikationen beschrieben.
Ein wesentlicher Aspekt des Fallberichts besteht jedoch nicht ausschließlich im erfolgreichen Behandlungsergebnis, sondern in der Analyse der Ursache der aufgetretenen Komplikation. Nach Auffassung der Autoren wäre die unzureichende Höhe der Kugelattachments wahrscheinlich vermeidbar gewesen, wenn bereits während der präoperativen Planung ein Prothetiker einbezogen sowie eine radiologische Schablone zur dreidimensionalen Planung verwendet worden wäre. Der Fall unterstreicht somit die Bedeutung einer vorausschauenden implantologischen und prothetischen Gesamtplanung.
6. Klinische Analyse
Dieser Fallbericht zeigt eindrucksvoll, dass der langfristige Erfolg komplexer implantologischer Rehabilitationen nicht allein von der chirurgischen Versorgung abhängt. Obwohl das individuell gefertigte subperiostale Implantat die Unterkieferfraktur erfolgreich stabilisierte, erwies sich seine ursprüngliche prothetische Gestaltung als unzureichend. Die zu kurzen Kugelattachments wurden während der Heilung vollständig von der keratinisierten Schleimhaut bedeckt und verhinderten dadurch die geplante prothetische Versorgung.
Der besondere klinische Wert dieser Veröffentlichung liegt in der Lösung dieses Problems. Anstatt das Implantat zu entfernen oder umfangreiche Korrekturoperationen durchzuführen, entwickelten die Autoren eine patientenspezifische Suprakonstruktion, welche die funktionelle Höhe der Attachments vergrößerte. Dadurch konnte eine implantatgetragene Deckprothese realisiert werden, ohne die bereits erfolgreich eingeheilte Implantatkonstruktion zu gefährden. Dieser Ansatz verdeutlicht, dass individuell angepasste prothetische Komponenten in ausgewählten Fällen eine sinnvolle Alternative zu erneuten chirurgischen Eingriffen darstellen können.
Darüber hinaus hebt der Bericht die entscheidende Rolle einer interdisziplinären Behandlungsplanung hervor. Moderne Verfahren wie digitale Volumentomographie, CAD/CAM-Planung und additive Fertigung verbessern zwar die Präzision patientenspezifischer Implantate, können ihre Vorteile jedoch nur dann vollständig entfalten, wenn chirurgische und prothetische Anforderungen bereits vor dem Eingriff gemeinsam berücksichtigt werden. Nach Einschätzung der Autoren hätten die fehlende prothetische Planung und der Verzicht auf eine radiologische Schablone wahrscheinlich zur beschriebenen Komplikation beigetragen.
Trotz des komplikationsfreien Verlaufs über fünf Jahre sollten die Ergebnisse mit der gebotenen Vorsicht interpretiert werden. Da lediglich ein einzelner klinischer Fall beschrieben wird, lässt sich daraus weder die Vorhersagbarkeit noch die generelle Übertragbarkeit dieses Vorgehens ableiten. Vielmehr liefert die Arbeit ein praxisnahes Beispiel für das Management einer seltenen implantatprothetischen Komplikation.
7. Klinische Bedeutung
Die Erkenntnisse dieses Fallberichts sind insbesondere für die Versorgung vollständig zahnloser Patienten mit ausgeprägter Unterkieferatrophie relevant, bei denen eine Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten nicht möglich ist. Darüber hinaus zeigt die Veröffentlichung eine potenzielle Einsatzmöglichkeit individuell gefertigter subperiostaler Implantate bei komplexen Rekonstruktionen nach Unterkieferfrakturen auf.
Unabhängig von der vorgestellten technischen Lösung verdeutlicht die Studie vor allem die Bedeutung einer umfassenden präoperativen Behandlungsplanung. Digitale Implantatplanung, patientenspezifisches Implantatdesign und die enge Zusammenarbeit zwischen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, Implantologen, Prothetikern und Zahntechnikern erscheinen entscheidend, um prothetische Komplikationen zu vermeiden und langfristig stabile Rehabilitationsergebnisse zu erzielen. Aufgrund der begrenzten wissenschaftlichen Evidenz sollten die beschriebenen Ergebnisse jedoch nicht als allgemeingültige Therapieempfehlung verstanden werden.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen klinischen Fallbericht, der innerhalb der evidenzbasierten Medizin einer niedrigen Evidenzstufe zuzuordnen ist. Fallberichte eignen sich insbesondere zur Beschreibung seltener klinischer Situationen, innovativer technischer Lösungen oder ungewöhnlicher Komplikationen, erlauben jedoch keine allgemeingültigen Aussagen über Wirksamkeit oder Vorhersagbarkeit einer Behandlung.
Die Aussagekraft der vorliegenden Arbeit ist durch die Beschreibung einer einzelnen Patientin begrenzt. Es existieren weder eine Kontrollgruppe noch statistische Auswertungen oder Vergleiche mit alternativen Therapieansätzen. Die dargestellten Ergebnisse können daher nicht ohne Weiteres auf andere Patienten übertragen werden. Positiv hervorzuheben ist jedoch die klinische Nachbeobachtung über fünf Jahre, während der keine implantologischen oder prothetischen Komplikationen berichtet wurden.
Die Autoren erklären ausdrücklich, dass keine finanziellen oder nicht-finanziellen Interessenkonflikte bestehen. Ebenso wurde keine externe Finanzierung für die Durchführung dieser Arbeit erhalten. Die im Artikel genannten Materialien werden ausschließlich zu wissenschaftlichen Dokumentationszwecken aufgeführt. Darüber hinaus bestätigen die Autoren, dass eine schriftliche Einwilligung der Patientin zur Veröffentlichung vorlag und die erhobenen Daten auf Anfrage verfügbar sind.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Klinischer Fallbericht.
- Evidenzniveau: Niedrig (Einzelfallbericht).
- Studienpopulation: Eine 64-jährige vollständig zahnlose Patientin mit ausgeprägter Unterkieferatrophie und Unterkieferfraktur.
- Anzahl der Patienten:
- Anzahl der Implantate: Ein individuell gefertigtes subperiostales Unterkieferimplantat.
- Nachbeobachtungszeit: 5 Jahre.
- Primärer Bewertungsparameter: Durchführbarkeit einer implantatgetragenen Unterkiefer-Deckprothese nach einer prothetischen Komplikation infolge zu kurzer Kugelattachments eines bestehenden subperiostalen Implantats.
- Hauptergebnis: Ein individuell entwickeltes Verbindungselement verlängerte die Kugelattachments erfolgreich und ermöglichte die Eingliederung einer stabilen implantatgetragenen Deckprothese ohne berichtete Komplikationen während der fünfjährigen Nachbeobachtung.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Individuell angefertigte prothetische Komponenten können in ausgewählten Fällen konstruktionsbedingte Einschränkungen bestehender subperiostaler Implantate ausgleichen. Gleichzeitig unterstreicht der Fall die Bedeutung einer frühzeitigen interdisziplinären chirurgisch-prothetischen Behandlungsplanung.
- Wesentliche Limitationen: Einzelfall, keine Kontrollgruppe, keine Vergleichsanalyse und eingeschränkte Übertragbarkeit der Ergebnisse auf größere Patientenkollektive.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Fallbeschreibung erweitert die wissenschaftliche Literatur über patientenspezifische subperiostale Implantate um einen praxisrelevanten Aspekt, nämlich den Umgang mit einer selten beschriebenen prothetischen Komplikation nach erfolgreicher chirurgischer Versorgung. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Einführung eines neuen Implantatkonzepts als vielmehr die Demonstration einer individuell angepassten prothetischen Lösung zur Erhaltung einer bereits funktionierenden Implantatkonstruktion.
Die Veröffentlichung verdeutlicht außerdem, dass moderne Technologien wie dreidimensionale Bildgebung, CAD/CAM-Planung und additive Fertigung zwar erhebliche Fortschritte in der Implantologie ermöglichen, ihr volles Potenzial jedoch nur im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Chirurgie und Prothetik entfalten können. Die Autoren machen deutlich, dass eine frühzeitige Berücksichtigung der späteren prothetischen Versorgung bereits während der Implantatplanung entscheidend für den langfristigen Behandlungserfolg ist.
Obwohl der Evidenzgrad aufgrund des Studiendesigns begrenzt bleibt, liefert der Bericht wertvolle klinische Erfahrungen für die Versorgung komplexer Fälle mit ausgeprägter Kieferatrophie. Gleichzeitig schafft er eine Grundlage für zukünftige Fallserien oder prospektive klinische Studien, die die Reproduzierbarkeit und Langzeitstabilität vergleichbarer prothetischer Lösungen systematisch untersuchen könnten.
11. Redaktionelles Fazit
Dieser klinische Fallbericht zeigt, dass eine individuell entwickelte prothetische Suprakonstruktion die funktionelle Rehabilitation eines bereits eingesetzten subperiostalen Implantats ermöglichen kann, selbst wenn dessen ursprüngliche Konstruktion prothetische Einschränkungen aufweist. Über die technische Lösung hinaus verdeutlicht die Arbeit die zentrale Bedeutung einer interdisziplinären Behandlungsplanung sowie einer frühzeitigen Integration prothetischer Anforderungen in den digitalen Implantatplanungsprozess. Die positiven Ergebnisse über fünf Jahre sind ermutigend, sollten jedoch aufgrund des niedrigen Evidenzniveaus eines Einzelfallberichts mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung interpretiert werden.
