Bibliografie
Patientenspezifische subperiostale Implantate zur Rehabilitation eines atrophen zahnlosen Oberkiefers nach mehrfachen Misserfolgen konventioneller und Jochbeinimplantate: Ein Fallbericht
- 9 Oktober 2025
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Lara Wirth, Kevin Spencer, Larry Benge, George Dimitroulis.
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41079132/
Patientenspezifische subperiostale Implantate zur Rehabilitation eines atrophen zahnlosen Oberkiefers nach mehrfachen Misserfolgen konventioneller und Jochbeinimplantate: Ein Fallbericht
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Custom subperiosteal implants used to rehabilitate the atrophic edentulous maxilla following multiple failures of both conventional as well as zygomatic implants: a case report
- Autoren: Lara Wirth, Kevin Spencer, Larry Benge, George Dimitroulis.
- Fachzeitschrift: Journal of Surgical Case Reports
- Erscheinungsjahr: 2025.
- DOI: 10.1093/jscr/rjaf319.
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantologische Versorgung eines stark atrophierten Oberkiefers zählt zu den anspruchsvollsten Herausforderungen der modernen oralen Rehabilitation. Besonders komplex gestaltet sich die Behandlung bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, da diese häufig zahlreiche chirurgische Eingriffe durchlaufen und im Verlauf erhebliche Defizite an Hart- und Weichgewebe entwickeln. Während konventionelle enossale Implantate in der Regel ein ausreichendes Knochenangebot oder vorbereitende Augmentationsverfahren voraussetzen, stellen Jochbeinimplantate eine etablierte Alternative für stark resorbierte Oberkiefer dar.
Durch den Einsatz digitaler Planungsverfahren, CAD/CAM-Technologien und additiver Fertigung stehen heute patientenspezifische subperiostale Implantate als weitere Behandlungsoption zur Verfügung. Diese Implantate werden individuell anhand der verbliebenen knöchernen Anatomie konstruiert und in Titan hergestellt. Der vorliegende Fallbericht beschreibt den Einsatz dieser Technologie bei einem Patienten, bei dem sowohl konventionelle Implantate als auch Jochbeinimplantate versagt hatten und für den keine weiteren Standardtherapien mehr infrage kamen. Damit liefert die Arbeit einen Beitrag zur klinischen Bewertung einer noch jungen rekonstruktiven Versorgungsstrategie.
3. Ziel der Studie
Ziel dieses Fallberichts war es, die Versorgung eines 72-jährigen Patienten mit Gaumenspalte, ausgeprägter Oberkieferatrophie und vollständiger Zahnlosigkeit nach wiederholtem Versagen konventioneller enossaler Implantate sowie von Jochbeinimplantaten zu beschreiben. Die Autoren wollten zeigen, ob individuell geplante und mittels CAD/CAM-Technologie gefertigte subperiostale Titanimplantate eine funktionelle implantatgetragene Rehabilitation ermöglichen können, wenn aufgrund des massiven Verlustes von Hart- und Weichgewebe keine weitere konventionelle Implantation mehr möglich ist.
4. Methodik
Bei der Publikation handelt es sich um einen Fallbericht, der die Behandlung eines einzelnen 72-jährigen Patienten mit einer unbehandelten einseitigen vollständigen Gaumenspalte beschreibt. Im Verlauf von etwa zehn Jahren waren zahlreiche implantologische Eingriffe erfolgt, darunter die Insertion konventioneller Zahnimplantate sowie Jochbeinimplantate. Diese mussten infolge von Komplikationen wie Infektionen, chronischer Sinusitis, periimplantärem Knochenverlust und fehlender Osseointegration wieder entfernt werden.
Aufgrund der ausgeprägten Atrophie des Oberkiefers sowie des erheblichen Verlustes an Hart- und Weichgewebe war eine weitere konventionelle Implantation nicht mehr möglich. Deshalb wurden zwei patientenspezifische subperiostale Titanimplantate auf Basis einer Computertomographie mittels CAD/CAM geplant und hergestellt. Die Implantate wurden mit mehreren selbstschneidenden Schrauben am verbliebenen Knochen fixiert. Zwei vorhandene Tuberimplantate wurden erhalten und in die prothetische Versorgung integriert. Digitale Abformungen erfolgten drei Monate nach der Operation, die definitive implantatgetragene Obturatorprothese wurde sechs Monate postoperativ eingesetzt. Quantitative Endpunkte oder standardisierte Erfolgskriterien werden nicht angegeben.
5. Wichtigste Ergebnisse
Der Fallbericht zeigt, dass trotz einer außerordentlich komplexen Ausgangssituation eine erfolgreiche implantatprothetische Rehabilitation erreicht werden konnte. Nach der Insertion von zwei patientenspezifischen subperiostalen Implantaten in Kombination mit den beiden verbliebenen Tuberimplantaten verliefen sowohl der chirurgische Eingriff als auch die postoperative Heilungsphase ohne berichtete Komplikationen. Drei Monate nach der Operation wurden digitale Scans zur Herstellung des Metallgerüsts angefertigt. Die definitive implantatgetragene Versorgung konnte sechs Monate nach dem Eingriff eingesetzt werden.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war der Patient erfolgreich mit einer implantatgetragenen Prothese rehabilitiert, die durch die Kombination aus subperiostalen und verbliebenen enossalen Implantaten stabilisiert wurde. Während des beschriebenen Nachbeobachtungszeitraums traten keine postoperativen Komplikationen auf. Nach Einschätzung der Autoren ermöglichte dieses Vorgehen eine funktionelle Versorgung in einer Situation, in der weder weitere konventionelle Implantate noch Jochbeinimplantate oder zusätzliche rekonstruktive Maßnahmen aufgrund des ausgeprägten Hart- und Weichgewebsdefizits realisierbar waren. Da es sich jedoch um einen einzelnen klinischen Fall handelt, lassen sich keine Aussagen zur langfristigen Erfolgsrate oder Vorhersagbarkeit dieser Therapie ableiten.
6. Klinische Analyse
Dieser Fallbericht verdeutlicht das Potenzial patientenspezifischer subperiostaler Implantate bei einer der schwierigsten Indikationen der modernen Implantologie: der Rehabilitation eines Oberkiefers nach dem Versagen sowohl konventioneller als auch zygomatischer Implantate. In dem beschriebenen Fall stellte nicht allein der erhebliche Knochenverlust die größte Herausforderung dar, sondern auch die ausgeprägten Weichgewebedefekte und die Folgen zahlreicher vorausgegangener chirurgischer Eingriffe. Durch die individuelle Konstruktion des Implantatgerüsts anhand der verbliebenen knöchernen Anatomie konnte dennoch eine funktionelle prothetische Versorgung realisiert werden.
Die Autoren ordnen ihren Fall in den aktuellen Kenntnisstand zu digital gefertigten subperiostalen Implantaten ein. Sie weisen darauf hin, dass nach den in der Diskussion zitierten Studien die patientenspezifische Gestaltung eine großflächigere Lastverteilung auf den vorhandenen Knochen ermöglichen und gleichzeitig umfangreiche augmentative Eingriffe vermeiden könnte. Ebenso wird auf die Möglichkeit einer unmittelbaren funktionellen Belastung hingewiesen. Diese Aussagen beruhen jedoch auf der in der Publikation zitierten Literatur und stellen keine Ergebnisse dieses einzelnen Fallberichts dar.
Aus klinischer Sicht unterstreicht die Arbeit vor allem, dass patientenspezifische subperiostale Implantate eine mögliche Behandlungsoption für sorgfältig ausgewählte Patienten darstellen können, bei denen etablierte implantologische Verfahren ausgeschöpft sind. Gleichzeitig betonen die Autoren ausdrücklich, dass belastbare Langzeitdaten fehlen und weitere klinische Studien erforderlich sind, um Aussagen über Langlebigkeit, Komplikationsraten und geeignete Indikationen dieser Implantatsysteme treffen zu können. Daher sollten die dargestellten Ergebnisse als Nachweis der technischen Machbarkeit und nicht als allgemeine Empfehlung für die klinische Praxis verstanden werden.
7. Klinische Anwendungen
Die in diesem Fallbericht dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf eine außergewöhnlich komplexe klinische Situation und lassen sich nicht ohne Weiteres auf die allgemeine implantologische Versorgung übertragen. Dennoch deutet der Bericht darauf hin, dass patientenspezifische subperiostale Implantate eine sinnvolle Behandlungsoption für Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie, erheblichen Hart- und Weichgewebsdefekten oder mehrfachen Misserfolgen konventioneller enossaler und zygomatischer Implantate darstellen können, wenn etablierte Therapieoptionen ausgeschöpft sind.
Das vorgestellte Behandlungskonzept basiert auf einem vollständig digitalen Workflow mit dreidimensionaler Bildgebung, CAD/CAM-Planung und additiver Fertigung eines patientenspezifischen Titanimplantats. Im beschriebenen Fall ermöglichte diese individuelle Konstruktion die Stabilisierung einer implantatgetragenen Obturatorprothese, obwohl weitere rekonstruktive Maßnahmen nicht mehr infrage kamen. Aufgrund des Charakters eines einzelnen Fallberichts sollten diese Ergebnisse jedoch als Machbarkeitsnachweis verstanden werden und nicht als Beleg für eine allgemeine klinische Überlegenheit dieser Technik.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Fallbericht, der dem niedrigsten Evidenzniveau innerhalb der klinischen Forschung zuzuordnen ist. Obwohl die Arbeit eine detaillierte Beschreibung eines innovativen Behandlungskonzepts für eine außergewöhnlich schwierige klinische Situation liefert, erlaubt sie keine Aussagen zur Wirksamkeit, Vorhersagbarkeit oder Überlegenheit gegenüber anderen Rekonstruktionsverfahren.
Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass derzeit nur begrenzte Erkenntnisse über die Langzeitbeständigkeit und klinische Leistungsfähigkeit patientenspezifischer subperiostaler Implantate vorliegen. Sie betonen die Notwendigkeit weiterer klinischer Studien mit größeren Patientenkollektiven und längeren Nachbeobachtungszeiten, um die langfristige Sicherheit und den Stellenwert dieser Implantate in der implantologischen Rehabilitation beurteilen zu können.
Hinsichtlich der Transparenz wird ein Interessenkonflikt offengelegt: George Dimitroulis ist Gründer und Clinical Director von MAXONIQ, dem Unternehmen, das die in diesem Fall verwendeten subperiostalen Implantate entwickelt und hergestellt hat. Darüber hinaus wird angegeben, dass der Patient der Veröffentlichung des Fallberichts schriftlich zugestimmt hat und keine externe Finanzierung für die Studie erfolgte. Diese Angaben sollten bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Fallbericht.
- Evidenzniveau: Niedrig.
- Studienpopulation: Ein 72-jähriger Patient mit unbehandelter Gaumenspalte, vollständiger Zahnlosigkeit und schwerer Oberkieferatrophie nach mehrfachen Implantatmisserfolgen.
- Anzahl der Patienten: 1.
- Implantate: Zwei patientenspezifische subperiostale Titanimplantate in Kombination mit zwei verbliebenen Tuberimplantaten.
- Nachbeobachtungszeit: Definitive prothetische Versorgung sechs Monate nach der Operation; Langzeitdaten wurden nicht berichtet.
- Primärer Bewertungsparameter: Machbarkeit einer implantologischen Rehabilitation nach Versagen konventioneller und zygomatischer Implantate.
- Hauptergebnis: Erfolgreiche funktionelle Rehabilitation ohne berichtete postoperative Komplikationen innerhalb des beschriebenen Beobachtungszeitraums.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Patientenspezifische subperiostale Implantate können in ausgewählten Ausnahmefällen eine alternative Rekonstruktionsmöglichkeit darstellen, wenn herkömmliche implantologische Verfahren nicht mehr anwendbar sind.
- Wesentliche Limitationen: Einzelner klinischer Fall, fehlende Kontrollgruppe, begrenzte Nachbeobachtung und keine Langzeitdaten zur Implantatüberlebensrate.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Dieser Fallbericht erweitert die wissenschaftliche Literatur über patientenspezifische subperiostale Implantate zur Versorgung stark atrophierter Oberkiefer. Sein besonderer Wert liegt in der Beschreibung einer außergewöhnlichen klinischen Situation, in der sowohl konventionelle enossale Implantate als auch Jochbeinimplantate versagt hatten und damit praktisch keine etablierten rekonstruktiven Optionen mehr zur Verfügung standen. Die erfolgreiche Anwendung individuell gefertigter CAD/CAM-Implantate zeigt, dass digitale Planungs- und Fertigungstechnologien das therapeutische Spektrum bei ausgewählten Hochrisikopatienten erweitern können.
Über den individuellen Behandlungserfolg hinaus verdeutlicht die Arbeit das Potenzial patientenspezifischer Implantatlösungen im Rahmen der digitalen Implantologie. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass belastbare Langzeitdaten zu Überlebensraten, biologischen Komplikationen und funktioneller Stabilität bislang fehlen. Die Publikation sollte daher als Machbarkeitsnachweis verstanden werden und nicht als endgültige Bestätigung der klinischen Leistungsfähigkeit dieser Implantatsysteme. Sie unterstreicht den Bedarf an prospektiven Studien mit größeren Patientenkollektiven und längeren Nachbeobachtungszeiträumen.
11. Redaktionelles Fazit
Dieser Fallbericht zeigt, dass patientenspezifische subperiostale Implantate eine potenzielle Behandlungsoption für äußerst komplexe Fälle der implantologischen Oberkieferrehabilitation darstellen können, wenn sowohl konventionelle als auch zygomatische Implantate versagt haben. Mithilfe eines vollständig digitalen CAD/CAM-Workflows und individuell gefertigter Titanimplantate konnte trotz erheblicher anatomischer Einschränkungen eine funktionelle prothetische Rehabilitation erreicht werden. Aufgrund des niedrigen Evidenzniveaus eines einzelnen Fallberichts und des Fehlens langfristiger klinischer Daten sollten diese Ergebnisse jedoch mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung interpretiert werden. Zukünftige prospektive Studien werden erforderlich sein, um die Langzeitprognose, Sicherheit und geeigneten Indikationen dieser innovativen Therapieform zu definieren.
