Bibliografie
Pterygoidale Verankerung von subperiostalen Implantaten: Überblick und Fallbericht
- 6 August 2026
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Antoine Diss, Augustin Lerebours, Cyrille Grébonval, Laurine Birault
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40458381/
Pterygoidale Verankerung von subperiostalen Implantaten: Überblick und Fallbericht
1. Wissenschaftliche Referenz
- Titel der Studie: Pterygoid Anchorage of Subperiosteal Implants: An Overview and Case Report
- Autoren: Antoine Diss, Augustin Lerebours, Cyrille Grébonval, Laurine Birault
- Wissenschaftliche Zeitschrift: Cureus
- Publikationsjahr: 2025
- DOI: 10.7759/cureus.85175
Analysierte Quelle: wissenschaftlicher Artikel aus Cureus (2025), veröffentlicht unter der Creative-Commons-Lizenz CC-BY 4.0.
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Versorgung stark atrophierter Oberkiefer stellt weiterhin eine anspruchsvolle Situation in der Implantologie dar. Besonders bei Patienten mit ausgeprägtem Knochenabbau der Maxilla kann die konventionelle Implantatinsertion durch ein unzureichendes Knochenangebot eingeschränkt sein. In diesen Fällen werden häufig umfangreiche augmentative Verfahren erforderlich, die insbesondere bei älteren Patienten mit erhöhtem chirurgischem Aufwand verbunden sein können.
Moderne subperiostale Implantate haben durch die Entwicklung digitaler Technologien eine neue Bedeutung erhalten. Durch dreidimensionale Bildgebung, digitale Planung mittels CAD/CAM und additive Fertigungsverfahren können patientenspezifische Titanstrukturen hergestellt werden, die sich an komplexe anatomische Situationen anpassen.
Die vorliegende Studie untersucht die Erweiterung dieses Konzeptes durch eine zusätzliche pterygoidale Verankerung. Dabei wird geprüft, ob die Region des Processus pterygoideus beziehungsweise der pterygomaxillären Verbindung als zusätzlicher posteriorer Stabilisierungspunkt bei extrem atrophierten Oberkiefern genutzt werden kann.
3. Zielsetzung der Studie
Das Hauptziel der Untersuchung war die klinische Bewertung der technischen Machbarkeit einer pterygoidalen Verankerung bei individuell gefertigten subperiostalen Implantaten.
Die Autoren wollten zeigen, ob durch die Integration zusätzlicher Fixationspunkte im pterygoidalen Bereich die mechanische Stabilität eines subperiostalen Implantats bei einem Patienten mit ausgeprägter maxillärer Atrophie verbessert werden kann.
4. Methodik
Bei der Publikation handelt es sich um einen klinischen Fallbericht mit technischer Beschreibung.
Beschrieben wird die Behandlung einer 71-jährigen vollständig zahnlosen Patientin mit einer extremen Oberkieferatrophie entsprechend Klasse VI nach Cawood und Howell. Zwei individuell gefertigte subperiostale Implantate wurden mithilfe eines digitalen Workflows geplant.
Die Datenerfassung erfolgte mittels DVT/CBCT, digitalem Smile Design und computergestützter Implantatmodellierung. Die Implantate wurden aus Ti-6Al-4V ELI Titan Grad 23 mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) hergestellt.
Die Konstruktion umfasste klassische Verankerungsbereiche im Bereich der Eckzahnpfeiler und der Jochbeinregion sowie zusätzliche Fixationspunkte im pterygoidalen Bereich. Hierfür wurden bikortikale Schrauben geplant, die durch die pterygomaxilläre Region geführt wurden.
5. Wesentliche Ergebnisse
Der Fallbericht zeigt, dass die Integration einer pterygoidalen Verankerung in ein individuell geplantes subperiostales Implantat technisch umgesetzt werden konnte.
Nach digitaler Planung und Herstellung der Implantate erfolgte die chirurgische Insertion mit Fixierung über Osteosyntheseschrauben in den vorgesehenen anatomischen Bereichen. Anschließend wurde eine verschraubte provisorische festsitzende Versorgung mit Titanverstärkung und PMMA-Komponenten eingesetzt.
Die Autoren berichten über eine gute initiale Implantatstabilität sowie eine positive Patientenzufriedenheit nach der Behandlung. Zudem wird diskutiert, dass die Erweiterung der Implantatabstützung in den posterioren Bereich möglicherweise dazu beitragen kann, ungünstige biomechanische Belastungen zu reduzieren, insbesondere bei ausgeprägten anterioren Freiheitsgraden beziehungsweise Überhängen infolge starker Knochenresorption.
Die Ergebnisse beziehen sich jedoch ausschließlich auf diesen einzelnen klinischen Fall und erlauben keine allgemeingültige Aussage zur Überlegenheit gegenüber anderen Behandlungskonzepten.
6. Klinische Analyse
Die Studie liefert einen interessanten Beitrag zur Weiterentwicklung moderner subperiostaler Implantate bei schwerer Oberkieferatrophie. Während klassische subperiostale Implantate historisch mit älteren Implantatkonzepten verbunden waren, ermöglichen aktuelle digitale Technologien eine deutlich präzisere patientenspezifische Planung und Herstellung.
Der mögliche klinische Vorteil der pterygoidalen Verankerung liegt in der Nutzung zusätzlicher posteriorer Knochenstrukturen, die trotz ausgeprägter alveolärer Resorption verfügbar sein können. Im beschriebenen Fall vermuten die Autoren, dass diese Erweiterung der Implantatabstützung eine günstigere Kraftverteilung ermöglichen könnte.
Die wissenschaftliche Interpretation muss jedoch vorsichtig erfolgen. Die Untersuchung basiert auf einem einzigen Patientenfall ohne Kontrollgruppe oder direkten Vergleich mit etablierten Verfahren wie zygomatischen Implantaten oder augmentativen Konzepten.
Die Studie zeigt somit vor allem die technische Durchführbarkeit eines neuen Designs. Sie stellt keine ausreichende Evidenz dar, um eine allgemeine klinische Empfehlung abzuleiten. Weitere biomechanische Untersuchungen und langfristige klinische Studien sind notwendig, um die tatsächliche Bedeutung dieser Verankerungsstrategie innerhalb der Implantologie zu bewerten.
7. Klinische Anwendungen
Die beschriebene Technik betrifft insbesondere Patienten mit extremer Oberkieferatrophie, bei denen konventionelle Implantattherapien aufgrund eines stark reduzierten Knochenangebotes erschwert sind.
Die Anwendung kann im Rahmen komplexer implantologischer Rehabilitationen relevant sein, bei denen digitale Planung, CAD/CAM-Technologien und additive Fertigung individuell gefertigter Titanimplantate eingesetzt werden.
Der Fall beschreibt außerdem eine mögliche Option für vollständig zahnlose Patienten, die eine festsitzende prothetische Versorgung benötigen und bei denen umfangreiche Knochenaufbauverfahren vermieden werden sollen.
Die genauen Indikationen, Auswahlkriterien für Patienten sowie die langfristige Vorhersagbarkeit dieser Methode sind jedoch durch weitere klinische Untersuchungen zu bestätigen.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Die Studie entspricht einem Fallbericht mit technischer Darstellung und besitzt daher ein begrenztes Evidenzniveau. Solche Veröffentlichungen können die technische Machbarkeit neuer Verfahren dokumentieren, erlauben jedoch keine definitive Bewertung von Wirksamkeit oder Überlegenheit gegenüber bestehenden Therapien.
Zu den methodischen Einschränkungen gehören insbesondere das Fehlen einer Kontrollgruppe, die sehr geringe Patientenzahl und das Fehlen langfristiger klinischer Ergebnisse in den vorliegenden Informationen.
Die Autoren geben folgende berufliche Beziehungen an: Augustin Lerebours war mit Biotech Dental verbunden und Cyrille Grébonval mit Glad Medical. Zusätzlich wird erwähnt, dass im März 2025 ein Patent eingereicht wurde. Diese Angaben sollten bei der wissenschaftlichen Einordnung berücksichtigt werden.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Klinischer Fallbericht mit technischer Beschreibung
- Evidenzniveau: Niedriges Evidenzniveau (Einzelfallbericht)
- Patientenkollektiv: Eine 71-jährige vollständig zahnlose Patientin mit schwerer Oberkieferatrophie
- Anzahl der Implantate: Zwei individuell gefertigte subperiostale Implantate
- Nachbeobachtungszeit: Nicht angegeben in den bereitgestellten Informationen
- Primärer Bewertungsparameter: Technische Machbarkeit einer zusätzlichen pterygoidalen Verankerung
- Hauptergebnis: Erfolgreiche technische Umsetzung der pterygoidalen Fixation im beschriebenen Fall
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Die pterygoidale Verankerung stellt eine mögliche Erweiterung des Designs subperiostaler Implantate bei stark atrophierten Maxillen dar
- Wesentliche Limitationen: Einzelner Patientenfall, fehlender Vergleich, keine Langzeitvalidierung
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Veröffentlichung erweitert die Diskussion über moderne subperiostale Implantate und zeigt den Einfluss digitaler Technologien auf die Behandlung komplexer implantologischer Situationen.
Der wesentliche wissenschaftliche Beitrag liegt in der Beschreibung eines individuell geplanten Implantatdesigns, das neben klassischen Verankerungsbereichen auch den pterygoidalen Bereich integriert. Dadurch wird ein alternatives Konzept zur Verbesserung der posterioren Unterstützung bei stark resorbierten Oberkiefern vorgestellt.
Die Arbeit liefert jedoch vor allem einen Machbarkeitsnachweis. Sie bestätigt keine langfristige Überlegenheit dieser Methode und ersetzt keine vergleichenden klinischen Studien.
Weitere Untersuchungen müssen klären, welchen tatsächlichen Einfluss diese zusätzliche Verankerung auf Implantatstabilität, prothetische Belastbarkeit, biologische Komplikationen und langfristige Behandlungsergebnisse hat.
11. Redaktionelles Fazit
Die Studie beschreibt einen innovativen Ansatz zur Rehabilitation stark atrophierter Oberkiefer durch die Kombination individuell gefertigter subperiostaler Implantate mit einer zusätzlichen pterygoidalen Verankerung.
Der Fall zeigt, dass dieses Konzept mithilfe moderner digitaler Planung und additiver Titanfertigung technisch realisierbar ist. Aufgrund des begrenzten Evidenzniveaus müssen die Ergebnisse jedoch zurückhaltend interpretiert werden.
Die Methode stellt eine interessante Forschungsrichtung innerhalb der komplexen Implantologie dar, benötigt jedoch weitere klinische Daten und langfristige Beobachtungen, bevor ihre tatsächliche Rolle in der routinemäßigen Versorgung schwer atrophierter Maxillen definiert werden kann.
