Bibliografie
Radiologische Bewertung des Knochenumbaus nach additiv gefertigter subperiostaler Kieferimplantation (AMSJI) im Oberkiefer: Eine Ein-Jahres-Nachuntersuchungsstudie
- 12 August 2021
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Casper Van den Borre, Marco Rinaldi, Björn De Neef, Natalie A J Loomans, Erik Nout, Luc Van Doorne, Ignace Naert, Constantinus Politis, Hylke Schouten, Geert Klomp, Ludovic Beckers, Marshall M Freilich, Maurice Y Mommaerts
Full text links: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34441837/
Radiologische Bewertung des Knochenumbaus nach additiv gefertigter subperiostaler Kieferimplantation (AMSJI) im Oberkiefer: Eine Ein-Jahres-Nachuntersuchungsstudie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Radiologische Bewertung des Knochenumbaus nach additiv gefertigter subperiostaler Kieferimplantation (AMSJI) im Oberkiefer: Eine Ein-Jahres-Nachuntersuchungsstudie
- Autoren: Casper Van den Borre, Marco Rinaldi, Björn De Neef, Natalie A. J. Loomans, Erik Nout, Luc Van Doorne, Ignace Naert, Constantinus Politis, Hylke Schouten, Geert Klomp, Ludovic Beckers, Marshall M. Freilich, Maurice Y. Mommaerts
- Wissenschaftliche Zeitschrift: Journal of Clinical Medicine
- Erscheinungsjahr: 2021
- DOI: 10.3390/jcm10163542
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Behandlung einer schweren Oberkieferatrophie bleibt eine der komplexesten Herausforderungen der oralen Implantologie. Wenn das verbleibende Knochenvolumen für die Platzierung konventioneller enossaler Implantate nicht mehr ausreicht, müssen Kliniker häufig Knochenrekonstruktionsverfahren in Betracht ziehen, die mitunter umfangreich sind und in mehreren Phasen durchgeführt werden.
Das Aufkommen digitaler Technologien, der dreidimensionalen Planung und der additiven Fertigung hat das Interesse an bestimmten historischen Konzepten, insbesondere an subperiostalen Implantaten, neu belebt. Individuell angefertigte, mittels 3D-Druck hergestellte subperiostale Implantate stellen einen Ansatz dar, der darauf abzielt, die Grenzen eines extremen Knochendefizits zu überwinden und gleichzeitig eine festsitzende implantatgetragene Rehabilitation zu ermöglichen.
In diesem Zusammenhang stellt die Bewertung des Knochenverhaltens um diese Vorrichtungen eine wesentliche Fragestellung dar. Eine wichtige Frage betrifft insbesondere den potenziellen Einfluss dieser Strukturen auf den Knochenumbau des Oberkiefers sowie das Risiko einer sekundären Atrophie nach prothetischer Belastung.
3. Ziel der Studie
Das Hauptziel der Autoren bestand darin, die im Oberkiefer beobachteten Knochenveränderungen nach einer Rehabilitation mit individuell angefertigten AMSJI-Subperiostalimplantaten (Additively Manufactured Subperiosteal Jaw Implant) zu bewerten.
Genauer gesagt zielte die Studie darauf ab, mittels dreidimensionaler radiologischer Analyse die Phänomene der Knochenresorption oder Knochenapposition auf Höhe des Alveolarkamms sowie in den Implantatauflagebereichen während des ersten Jahres nach funktioneller Belastung zu messen.
4. Methodik
Es handelt sich um eine prospektive multizentrische Studie, die von der International Workgroup on AMSJI durchgeführt wurde.
Fünfzehn Patienten mit einer schweren Oberkieferatrophie der Klasse V oder höher gemäß der Klassifikation von Cawood und Howell wurden eingeschlossen.
Die Patienten wurden mittels Computertomographie oder DVT (Digitale Volumentomographie) einen Monat (T1) sowie zwölf Monate (T2) nach der definitiven Belastung der AMSJI untersucht. Die DICOM-Daten wurden segmentiert und anschließend mithilfe spezialisierter Software überlagert, um die Knochenvolumina im Zeitverlauf zu vergleichen.
Vordefinierte anatomische Referenzpunkte wurden am Alveolarkamm, unter den Fixationsflügeln und unter dem basalen Implantatgerüst ausgewählt, um Knochenveränderungen zu quantifizieren.
Der analysierte Nachbeobachtungszeitraum betrug zwölf Monate nach der funktionellen Rehabilitation.
5. Hauptergebnisse
Die fünfzehn eingeschlossenen Patienten wurden ein Jahr lang nach Belastung ihrer implantatgetragenen Rehabilitation nachbeobachtet. Weder von den Patienten berichtete Beschwerden noch von den Behandlern gemeldete klinische Komplikationen wurden zwischen den Untersuchungen nach einem Monat und nach zwölf Monaten festgestellt.
Die radiologische Analyse zeigte einen begrenzten Knochenumbau.
Auf Höhe des Alveolarkamms betrug die mittlere Resorption an den sechs untersuchten Referenzpunkten 0,26 mm (Standardabweichung 0,65 mm).
Unter den Fixationsflügeln und der basalen AMSJI-Struktur waren die Knochenveränderungen noch geringer, mit einer mittleren Resorption von 0,088 mm (Standardabweichung 0,29 mm).
Die Autoren berichteten außerdem über die Beobachtung bestimmter lokalisierter Bereiche mit Knochenapposition an den Fixationsflügeln, konnten diese jedoch aufgrund titanbedingter radiologischer Artefakte nicht präzise quantifizieren.
Insgesamt deuten die Ergebnisse auf eine erhebliche Knochenstabilität um die untersuchten Implantate während des ersten Funktionsjahres hin.
6. Klinische Analyse
Diese Studie liefert interessante Daten zu einer therapeutischen Lösung für Patienten mit fortgeschrittener Oberkieferatrophie, einer Patientengruppe, für die konventionelle Implantatoptionen eingeschränkt sein können.
Das Hauptinteresse liegt in der direkten Bewertung des Knochenumbaus um ein individuell angefertigtes subperiostales Implantat, das mithilfe eines digitalen Workflows unter Einbeziehung von DVT, computergestütztem Design und additiver Fertigung entwickelt wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die gemessenen Knochenveränderungen während des ersten Jahres nach der Rehabilitation gering blieben.
Aus klinischer Sicht können diese Beobachtungen als positives Signal hinsichtlich der knöchernen Verträglichkeit dieses Ansatzes interpretiert werden. Die Autoren betonen insbesondere das Fehlen einer ausgeprägten Resorption unter den Implantatauflagebereichen, was ein relevantes Element in der historischen Diskussion über subperiostale Implantate darstellt.
Diese Daten erlauben jedoch keine endgültigen Schlussfolgerungen hinsichtlich der langfristigen Beständigkeit des Systems. Die Nachbeobachtung beschränkt sich auf zwölf Monate, und die Studie umfasst keine Vergleichsgruppe mit anderen Rehabilitationsstrategien wie Knochenaugmentationen, Jochbeinimplantaten oder konventionellen Implantatprotokollen.
Die Ergebnisse sollten daher als vorläufige Daten interpretiert werden, die die biologische Machbarkeit dieser Technologie unterstützen, und nicht als endgültiger Nachweis einer klinischen Überlegenheit.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Studie können insbesondere relevant sein im Kontext von:
- schwerer Oberkieferatrophie (Klasse V oder höher nach Cawood und Howell);
- implantatgestützter Rehabilitation vollständig zahnloser Patienten;
- digitaler implantologischer Planung auf Basis von DVT-Daten;
- CAD/CAM-Protokollen und individueller additiver Fertigung;
- Situationen, in denen die verbleibende Knochenmenge die Platzierung konventioneller enossaler Implantate einschränkt;
- maxillofazialen Rekonstruktionsstrategien auf Basis individualisierter subperiostaler Implantate.
Die Studie erlaubt jedoch weder die Definition exklusiver klinischer Indikationen noch einen direkten Vergleich dieses Ansatzes mit Knochenaugmentationsverfahren oder anderen implantologischen Alternativen.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Diese Publikation entspricht einer prospektiven multizentrischen Beobachtungsstudie mit fünfzehn Patienten.
Das Evidenzniveau bleibt aufgrund der begrenzten Stichprobengröße und des Fehlens einer Kontrollgruppe moderat. Die Nachbeobachtungsdauer ist ebenfalls relativ kurz, da sie auf ein Jahr nach Belastung begrenzt ist.
Die Autoren berichten über eine gute Reproduzierbarkeit der radiologischen Messungen durch Analysen der Intra- und Interbeobachter-Reliabilität.
Mehrere methodische Einschränkungen werden diskutiert, insbesondere Schwierigkeiten bei der DVT-Segmentierung aufgrund von Titanartefakten, teilweise geringer Knochenqualität sowie den den dreidimensionalen Überlagerungsmethoden inhärenten Einschränkungen.
Hinsichtlich der Transparenz gibt Maurice Y. Mommaerts an, als Head of Innovation bei CADskills BV tätig zu sein, einem Unternehmen, das mit dem AMSJI-Konzept verbunden ist. Die übrigen Autoren berichten über keine Interessenkonflikte.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Prospektive multizentrische Studie
- Evidenzniveau: Prospektive Beobachtungsstudie
- Analysierte Population: Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie
- Anzahl der Patienten: 15
- Anzahl der Implantate: Bilaterale AMSJI; Gesamtzahl der Implantate in den bereitgestellten Informationen nicht angegeben
- Nachbeobachtungsdauer: 12 Monate nach Belastung
- Primärer Bewertungsparameter: Radiologischer Knochenumbau um AMSJI
- Hauptergebnis: Mittlere Resorption von 0,26 mm auf Kammniveau und 0,088 mm unter den Auflagebereichen
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Begrenzter Knochenumbau während des ersten Funktionsjahres
- Mögliche Limitationen: Kleine Stichprobe, Fehlen einer Kontrollgruppe, auf ein Jahr begrenzte Nachbeobachtung, Einschränkungen im Zusammenhang mit der radiologischen Analyse
10. Wissenschaftlicher Einfluss
Diese Studie trägt zur wachsenden Literatur über individuell angefertigte subperiostale Implantate bei, die mittels 3D-Druck hergestellt werden. Obwohl diese Systeme durch digitale Technologien ein erneutes Interesse erfahren, bleiben objektive klinische Daten bislang relativ begrenzt.
Der Hauptbeitrag dieser Arbeit besteht in der Bereitstellung einer quantitativen radiologischen Bewertung des Knochenumbaus nach einer AMSJI-Rehabilitation. Die berichteten Beobachtungen legen nahe, dass dieser Ansatz während des ersten Funktionsjahres nicht mit einer signifikanten Knochenresorption verbunden ist.
Diese Ergebnisse stärken das wissenschaftliche Interesse am AMSJI-Konzept als potenzielle Alternative in bestimmten Situationen fortgeschrittener Oberkieferatrophie. Sie tragen zudem zur Dokumentation der biologischen Interaktionen zwischen dem Oberkieferknochen und individuell angefertigten subperiostalen Implantaten der neuen Generation bei.
Dennoch werden Studien mit einer größeren Patientenzahl und längeren Nachbeobachtungszeiträumen erforderlich sein, um die beobachtete Stabilität zu bestätigen und die Rolle dieses Ansatzes innerhalb des therapeutischen Spektrums der fortgeschrittenen Implantologie genauer zu bestimmen.
11. Redaktionelle Schlussfolgerung
Diese prospektive Studie liefert günstige vorläufige klinische Daten zum Knochenverhalten um individuell angefertigte AMSJI-Subperiostalimplantate bei Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie. Die nach einem Jahr beobachteten Knochenveränderungen erscheinen sowohl auf Höhe des Alveolarkamms als auch in den Implantatauflagebereichen begrenzt. Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse erfordern die geringe Patientenzahl und die begrenzte klinische Nachbeobachtung eine vorsichtige Interpretation. Längerfristige Nachuntersuchungen werden erforderlich sein, um die biologische Stabilität dieser implantatgetragenen Rehabilitationslösung zu bestätigen.
