Bibliografie
Vollständige Rehabilitation stark atrophierter Oberkiefer mit additiv gefertigten, patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine multizentrische retrospektive Studie
- 20 September 2024
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Luigi Angelo Vaira, Andrea Biglio, Marco Roy, Giovanni Salzano, Stefania Troise, Vincenzo Abbate, Miguel Mayo-Yanez, Jerome R Lechien, Pasquale Piombino, Giacomo De Riu
Full text links: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38871617/
Vollständige Rehabilitation stark atrophierter Oberkiefer mit additiv gefertigten, patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine multizentrische retrospektive Studie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Titel der Studie: Vollständige Rehabilitation stark atrophierter Oberkiefer mit additiv gefertigten, patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine multizentrische retrospektive Studie
- Autoren: Luigi Angelo Vaira, Andrea Biglio, Marco Roy, Giovanni Salzano, Stefania Troise, Vincenzo Abbate, Miguel Mayo-Yanez, Jerome R. Lechien, Pasquale Piombino, Giacomo De Riu
- Fachzeitschrift: Journal of Cranio-Maxillo-Facial Surgery
- Erscheinungsjahr: 2024
- DOI: 10.1016/j.jcms.2024.06.016
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantatprothetische Versorgung eines stark atrophierten Oberkiefers zählt zu den anspruchsvollsten Herausforderungen in der modernen Implantologie sowie der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Bei ausgeprägtem Knochenabbau reichen die vorhandenen Knochenstrukturen häufig nicht aus, um konventionelle enossale Implantate sicher zu inserieren. Dies führt oftmals zu umfangreichen augmentativen Eingriffen, längeren Behandlungszeiten und einer erhöhten chirurgischen Belastung für die Patienten.
In den vergangenen Jahren hat das Interesse an graftlosen Versorgungskonzepten deutlich zugenommen. Ziel dieser Verfahren ist es, funktionelle und ästhetische Rehabilitationen ohne umfangreiche Knochenrekonstruktionen zu ermöglichen. Während Jochbeinimplantate derzeit zu den etablierten Optionen bei schwerer Oberkieferatrophie gehören, erfordern sie eine hohe chirurgische Expertise und sind mit potenziell schwerwiegenden Komplikationen verbunden.
Durch Fortschritte in der digitalen Implantatplanung, CAD/CAM-Technologien und additiven Fertigungsverfahren wurden moderne, patientenspezifische subperiostale Implantate entwickelt. Diese Implantate werden individuell an die Anatomie des Patienten angepasst und eröffnen neue Möglichkeiten für die Versorgung komplexer atrophischer Kiefer.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser Studie war die Untersuchung der klinischen Ergebnisse einer vollständigen Oberkieferrehabilitation mittels additiv gefertigter, patientenspezifischer subperiostaler Implantate bei Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie.
Im Mittelpunkt standen die Bewertung der Implantatüberlebensrate, der Implantaterfolgsrate, möglicher biologischer und chirurgischer Komplikationen, des periimplantären Weichgewebezustands sowie der radiologischen Veränderungen im Bereich der Implantatpfeiler während der Nachbeobachtungszeit.
4. Methodik
Es handelt sich um eine multizentrische retrospektive Beobachtungsstudie, die zwischen August 2018 und Januar 2023 an zwei universitären Zentren durchgeführt wurde.
Insgesamt wurden 36 konsekutive Patienten mit einer Oberkieferatrophie der Klassen V oder VI nach Cawood und Howell eingeschlossen. Analysiert wurden 72 individuell gefertigte subperiostale Implantate zur Versorgung eines zahnlosen oder nahezu zahnlosen Oberkiefers.
Die Behandlungsplanung basierte auf einem vollständig digitalen Workflow, bestehend aus DVT-Aufnahmen, digitalen Abformungen, prothetischer Planung und CAD/CAM-gestützter Konstruktion. Die Implantate wurden aus Titan Grad V mittels Laserschmelzverfahren additiv hergestellt.
Bei allen Patienten erfolgte eine Sofortbelastung mit einer verschraubten provisorischen Versorgung. Die durchschnittliche Nachbeobachtungsdauer betrug 30,1 Monate und reichte von 12 bis 64 Monaten.
Zu den untersuchten Parametern gehörten Implantatüberleben, Implantaterfolg, Blutung auf Sondierung (Bleeding on Probing), Implantatexpositionen, Schraubenkomplikationen sowie die Knochenstabilität im Bereich der Abutments.
5. Wichtigste Ergebnisse
Während des gesamten Beobachtungszeitraums ging kein Implantat verloren. Daraus ergab sich eine Implantatüberlebensrate von 100 %.
Auf Grundlage der von den Autoren definierten Erfolgskriterien wurde eine Implantaterfolgsrate von 90,3 % erreicht.
Bei sieben Implantaten (9,7 %) wurde eine Exposition der vertikalen Abutmentanteile festgestellt. Diese sogenannten Klasse-1-Expositionen traten innerhalb des ersten postoperativen Jahres auf und waren nicht mit entzündlichen Beschwerden verbunden.
Die periimplantäre Blutung auf Sondierung blieb über den gesamten Beobachtungszeitraum auf niedrigem Niveau. Sie wurde nach sechs Monaten bei 10,4 % der Abutments festgestellt, nach einem Jahr bei 7,9 %, nach zwei Jahren bei 10 %, nach drei Jahren bei 7 % und nach vier Jahren bei 11,4 %.
Die radiologische Auswertung zeigte keine statistisch signifikante Knochenresorption unter den Abutments während der Nachbeobachtungszeit.
Schwerwiegende Komplikationen waren selten. In einem Fall trat eine Infektion im Bereich des Jochbeinpfeilers mit Lockerung einer Osteosyntheseschraube auf. Nach Entfernung der Schraube und antibiotischer Therapie konnte die Situation vollständig beherrscht werden.
6. Klinische Analyse
Die vorliegende Untersuchung liefert wertvolle klinische Daten zu einem noch vergleichsweise jungen Behandlungskonzept in der modernen Implantologie.
Besonders bemerkenswert ist die vollständige Implantaterhaltung über die gesamte Nachbeobachtungsdauer. Angesichts der ausgeprägten Atrophie der behandelten Oberkiefer deutet dies darauf hin, dass individuell gefertigte subperiostale Implantate eine praktikable Alternative für Patienten darstellen können, bei denen konventionelle implantologische Konzepte nur eingeschränkt möglich sind.
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Stabilität des Knochens unter den Abutments. Frühere Generationen subperiostaler Implantate waren häufig mit fortschreitendem Knochenabbau verbunden. Die in dieser Studie beobachtete Stabilität könnte darauf hindeuten, dass moderne Implantatdesigns, digitale Planungsverfahren und biomechanisch optimierte Kraftverteilungen zur Verbesserung der Langzeitprognose beitragen.
Die Ergebnisse unterstreichen zudem die Bedeutung eines sorgfältigen Weichgewebsmanagements. Obwohl Implantatexpositionen beobachtet wurden, blieben diese überwiegend symptomfrei und konnten konservativ überwacht werden.
Dennoch sollten die Resultate mit Zurückhaltung interpretiert werden. Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns und des fehlenden Kontrollkollektivs lässt sich keine direkte Überlegenheit gegenüber alternativen Verfahren wie Jochbeinimplantaten oder augmentativen Konzepten ableiten.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Studie können insbesondere in folgenden klinischen Situationen relevant sein:
- Vollständige Rehabilitation stark atrophierter Oberkiefer.
- Versorgung zahnloser Patienten mit unzureichendem Knochenangebot für konventionelle Implantate.
- Fälle, in denen umfangreiche Knochenaugmentationen vermieden werden sollen.
- Digitale implantologische Behandlungsabläufe mit CAD/CAM-Technologie.
- Sofortbelastungskonzepte mit festsitzendem implantatgetragenem Zahnersatz.
- Komplexe rekonstruktive Behandlungen in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.
- Patientenspezifische Implantatlösungen bei ausgeprägter Knochenatrophie.
Die Untersuchung bezieht sich ausschließlich auf stark atrophierte Oberkiefer und erlaubt keine direkten Aussagen zu anderen Indikationen.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Publikation handelt es sich um eine retrospektive multizentrische Beobachtungsstudie. Das Evidenzniveau liegt daher unter dem prospektiver kontrollierter klinischer Studien oder randomisierter Untersuchungen.
Die Autoren weisen auf mehrere Limitationen hin. Dazu gehören das retrospektive Studiendesign, die begrenzte Anzahl eingeschlossener Patienten, das Fehlen einer Kontrollgruppe sowie die noch nicht ausreichende Beobachtungsdauer zur Beurteilung langfristiger Ergebnisse.
Darüber hinaus existieren derzeit keine allgemein anerkannten Erfolgskriterien speziell für moderne subperiostale Implantate, was den Vergleich mit anderen Studien erschwert.
Hinsichtlich möglicher Interessenkonflikte erklärten die Autoren, dass keine Interessenkonflikte vorliegen. Die Studie wurde durch Forschungsfördermittel der Universität Sassari finanziert.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Multizentrische retrospektive Beobachtungsstudie
- Evidenzniveau: Retrospektische klinische Studie
- Patientenkollektiv: Patienten mit schwerer Oberkieferatrophie (Cawood und Howell Klasse V–VI)
- Anzahl der Patienten: 36
- Anzahl der Implantate: 72
- Mittlere Nachbeobachtungsdauer: 30,1 Monate
- Primärer Bewertungsparameter: Überleben und Erfolg patientenspezifischer subperiostaler Implantate
- Implantatüberlebensrate: 100 %
- Implantaterfolgsrate: 90,3 %
- Knochenstabilität: Keine signifikante Knochenresorption unter den Abutments
- Wichtigstes Ergebnis: Hohe Überlebens- und Erfolgsraten bei schwerer Oberkieferatrophie
- Wesentliche Limitationen: Retrospektives Design, begrenzte Fallzahl, keine Kontrollgruppe, fehlende Langzeitdaten
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie erweitert die bislang noch begrenzte Evidenzbasis zu modernen subperiostalen Implantaten, die mithilfe additiver Fertigungstechnologien hergestellt werden. Sie liefert klinische Daten zu einer Patientengruppe, deren Versorgung traditionell mit erheblichen chirurgischen Herausforderungen verbunden ist.
Besonders wertvoll ist die Tatsache, dass sich die Untersuchung ausschließlich auf vollständige Rehabilitationen stark atrophierter Oberkiefer konzentriert. Dadurch entsteht ein relativ homogenes Patientenkollektiv, das eine gezieltere Bewertung der Therapie ermöglicht.
Die Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass moderne patientenspezifische Implantatsysteme viele der Probleme überwinden könnten, die frühere Generationen subperiostaler Implantate eingeschränkt haben. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass eine sorgfältige digitale Planung und ein standardisiertes chirurgisches Vorgehen entscheidende Faktoren für den Behandlungserfolg sind.
Darüber hinaus verdeutlicht die Studie den Bedarf an prospektiven Langzeituntersuchungen, um die langfristige Stabilität dieser Versorgungsform über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahren wissenschaftlich zu bestätigen.
11. Redaktionelle Schlussfolgerung
Die vorliegende multizentrische Studie liefert vielversprechende klinische Ergebnisse für den Einsatz additiv gefertigter, patientenspezifischer subperiostaler Implantate bei schwerer Oberkieferatrophie. Die dokumentierte Implantatüberlebensrate von 100 %, die stabile Knochensituation sowie die begrenzte Zahl schwerwiegender Komplikationen sprechen für das Potenzial dieser Technologie im Rahmen komplexer implantologischer Rehabilitationen. Aufgrund des retrospektiven Charakters der Untersuchung und des bislang begrenzten Langzeit-Follow-ups sind jedoch weitere hochwertige Studien erforderlich, bevor endgültige klinische Schlussfolgerungen gezogen werden können.
