Bibliografie
Additiv gefertigte subperiostale Implantate zur Rehabilitation der Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne – Eine Fallserie
- 25 Januar 2025
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Marco Roy, Mauro Cerea, Wieslaw Hedzelek, Luigi Angelo Vaira, Barbara Dorocka-Bobkowska
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39870195/
Additiv gefertigte subperiostale Implantate zur Rehabilitation der Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne – Eine Fallserie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Additively Manufactured Subperiosteal Implants for the Rehabilitations of Lateral Incisors Agenesis – A Case Series
- Autoren: Marco Roy, Mauro Cerea, Wieslaw Hedzelek, Luigi Angelo Vaira, Barbara Dorocka-Bobkowska
- Fachzeitschrift: Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, Medicine, and Pathology
- Erscheinungsjahr: 2025
- DOI: 10.1016/j.jormas.2025.102263
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne stellt in der implantologischen Rehabilitation eine besondere klinische Herausforderung dar, insbesondere wenn sie mit einer ausgeprägten lokalen Alveolarknochenatrophie einhergeht. Das reduzierte Knochenangebot erschwert häufig die Insertion konventioneller enossaler Implantate und kann selbst nach knochenaugmentativen Maßnahmen die langfristige Vorhersagbarkeit der Behandlung einschränken.
Dank der Fortschritte in der digitalen Behandlungsplanung und der additiven Fertigung gewinnen patientenspezifische subperiostale Implantate zunehmend an Bedeutung. Diese individuell konstruierten Implantate werden an die Anatomie des jeweiligen Patienten angepasst und bieten damit einen alternativen rehabilitativen Ansatz in Situationen, in denen herkömmliche Implantatlösungen nur eingeschränkt oder gar nicht realisierbar sind. Die vorliegende Studie untersucht die klinischen Ergebnisse dieses individualisierten Therapiekonzepts bei Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und vorangegangenem frühzeitigem Versagen konventioneller enossaler Implantate.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser Untersuchung war die Bewertung der klinischen Leistungsfähigkeit individuell angefertigter subperiostaler Implantate aus additiver Fertigung zur Versorgung von Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und ausgeprägter lokaler Knochenatrophie. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob dieses patientenspezifische Implantatkonzept eine zuverlässige Alternative für Patienten darstellen kann, bei denen konventionelle enossale Implantate bereits frühzeitig versagt hatten. Bewertet wurden insbesondere Implantatstabilität, periimplantäre Gewebegesundheit, ästhetische Ergebnisse sowie der prothetische Behandlungserfolg im Verlauf der Nachbeobachtung.
4. Methodik
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine retrospektive Fallserie mit 12 Patienten (10 Frauen und 2 Männer) und einem durchschnittlichen Alter von 25 ± 2,3 Jahren. Insgesamt wurden 16 patientenspezifische subperiostale Implantate, hergestellt mittels additiver Fertigung, zur Rehabilitation einer Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne inseriert. Alle eingeschlossenen Patienten hatten zuvor ein frühzeitiges Versagen konventioneller enossaler Implantate erlitten.
Das chirurgische Protokoll umfasste die Insertion individuell gefertigter subperiostaler Implantate in Kombination mit einem bovinen Knochenersatzmaterial sowie Membranen aus plättchenreichem Fibrin (PRF). Anschließend erfolgte eine Sofortbelastung mit dem Ziel einer optimalen prothetischen Ausrichtung im ästhetisch anspruchsvollen Frontzahnbereich.
Die Nachbeobachtungszeit betrug 18 bis 64 Monate (Mittelwert: 48 ± 6,7 Monate). Bewertet wurden Implantatstabilität, periimplantäre Gewebegesundheit, Sondierungstiefen, Blutung auf Sondieren, ästhetische Parameter sowie prothetische Komplikationen. Weitere Angaben zu statistischen Auswertungen oder Ein- und Ausschlusskriterien werden im verfügbaren Abstract nicht beschrieben.
5. Wichtigste Ergebnisse
Während des Nachbeobachtungszeitraums wurden keine Implantatverluste beobachtet. Alle 16 patientenspezifischen subperiostalen Implantate blieben klinisch stabil und funktionell in situ. Die biologischen Parameter deuteten auf eine günstige periimplantäre Gewebesituation hin, wobei die mittlere Sondierungstiefe 3 mm betrug und lediglich minimale Entzündungszeichen festgestellt wurden.
Auch die ästhetischen Ergebnisse fielen positiv aus. Der durchschnittliche Pink Esthetic Score (PES) lag bei 12,3 ± 1,1, mit Einzelwerten zwischen 10 und 14, was auf eine zufriedenstellende Integration der periimplantären Weichgewebe schließen lässt.
Im prothetischen Verlauf wurden nur wenige Komplikationen dokumentiert. Lediglich zwei Kronen mussten nach drei Jahren erneut zementiert werden. Implantatverluste oder schwerwiegende biologische Komplikationen im Zusammenhang mit diesen prothetischen Ereignissen wurden nicht berichtet.
Für die untersuchte Kohorte ergibt sich somit eine Erfolgsrate von 100 % innerhalb des dokumentierten Beobachtungszeitraums. Die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Ergebnisse aufgrund der begrenzten Patientenzahl und der noch fehlenden Langzeitdaten mit entsprechender Zurückhaltung interpretiert werden sollten.
6. Klinische Analyse
Die vorliegende Fallserie verdeutlicht das Potenzial individuell gefertigter subperiostaler Implantate als Behandlungsoption für Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und ausgeprägtem lokalem Knochenmangel. Gerade im ästhetisch sensiblen Frontzahnbereich stellt ein unzureichendes Knochenangebot häufig eine wesentliche Einschränkung für die Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten dar. Dies gilt insbesondere für Patienten, bei denen bereits ein früher Implantatverlust aufgetreten ist.
Die in dieser Studie beschriebenen Ergebnisse sprechen dafür, dass patientenspezifische Implantate, die mittels digitaler Planung und additiver Fertigung hergestellt werden, eine stabile funktionelle Rehabilitation ermöglichen können. Die Kombination aus ausbleibenden Implantatverlusten, günstigen periimplantären Gewebeverhältnissen und zufriedenstellenden ästhetischen Resultaten deutet darauf hin, dass dieses Konzept in sorgfältig ausgewählten Fällen eine praktikable Alternative darstellen könnte. Auch die Möglichkeit der Sofortbelastung ist insbesondere im anterioren Oberkiefer aus funktioneller und ästhetischer Sicht von klinischem Interesse.
Gleichzeitig dürfen die Ergebnisse nicht überbewertet werden. Als retrospektive Fallserie ohne Vergleichsgruppe erlaubt die Studie keine Aussagen über eine Überlegenheit gegenüber konventionellen Implantatprotokollen oder augmentativen Verfahren. Vielmehr handelt es sich um erste klinische Erfahrungen mit einem innovativen Behandlungskonzept. Zur Bestätigung der Langzeitstabilität sowie zur Definition klarer Indikationen sind prospektive, kontrollierte Studien mit größeren Patientenkollektiven erforderlich.
7. Klinische Anwendungsgebiete
Die Ergebnisse dieser Untersuchung legen nahe, dass additiv gefertigte patientenspezifische subperiostale Implantate eine sinnvolle Behandlungsoption für Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und ausgeprägter lokaler Alveolarknochenatrophie darstellen könnten, insbesondere wenn eine Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten bereits fehlgeschlagen ist.
Das vorgestellte Behandlungskonzept kombiniert digitale Behandlungsplanung, patientenspezifisches Implantatdesign, additive Fertigung, Knochenersatzmaterialien und eine sofortige prothetische Versorgung innerhalb eines individualisierten Therapieworkflows. Nach den vorliegenden Daten eignet sich dieses Verfahren vor allem für sorgfältig ausgewählte klinische Situationen, in denen das vorhandene Knochenangebot die Anwendung herkömmlicher Implantatsysteme nicht zulässt.
Da ausschließlich Patienten mit dieser spezifischen Indikation untersucht wurden, lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere Formen der Kieferatrophie oder auf allgemeine implantologische Versorgungen übertragen. Weitere klinische Studien sind erforderlich, um den Stellenwert dieses Therapiekonzepts innerhalb der modernen Implantologie genauer zu definieren.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei dieser Publikation handelt es sich um eine retrospektive Fallserie, die innerhalb der evidenzbasierten Medizin einem niedrigen Evidenzniveau zuzuordnen ist. Obwohl derartige Studien wertvolle Erkenntnisse über die klinische Machbarkeit und die ersten Ergebnisse innovativer Behandlungskonzepte liefern können, erlauben sie keine Aussagen zur Überlegenheit gegenüber etablierten Therapieverfahren.
Die Autoren weisen auf mehrere methodische Einschränkungen hin. Zum einen umfasst die Studie lediglich 12 Patienten mit insgesamt 16 Implantaten, wodurch die Übertragbarkeit der Ergebnisse begrenzt ist. Zum anderen wird die Notwendigkeit einer längeren Nachbeobachtungszeit hervorgehoben, um die langfristige Beständigkeit der klinischen Ergebnisse beurteilen zu können. Darüber hinaus fehlt eine Kontrollgruppe, sodass kein direkter Vergleich mit konventionellen enossalen Implantaten oder alternativen Rekonstruktionsverfahren möglich ist.
Im verfügbaren Abstract finden sich keine Angaben zu Interessenkonflikten, finanziellen Beziehungen oder Kooperationen mit Implantatherstellern. Daher können hierzu keine Schlussfolgerungen gezogen werden. Insgesamt sollten die Ergebnisse als erste klinische Evidenz eines vielversprechenden Behandlungskonzepts betrachtet werden, dessen langfristige Wirksamkeit durch prospektive und vergleichende Studien bestätigt werden muss.
9. Wichtige Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Retrospektive Fallserie.
- Evidenzniveau: Niedrig (deskriptive Beobachtungsstudie).
- Studienpopulation: 12 Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und vorausgegangenem frühzeitigem Versagen konventioneller enossaler Implantate.
- Anzahl der Implantate: 16 patientenspezifische, additiv gefertigte subperiostale Implantate.
- Durchschnittsalter: 25 ± 2,3 Jahre.
- Nachbeobachtungszeit: 18 bis 64 Monate (Mittelwert: 48 ± 6,7 Monate).
- Primäre Endpunkte: Implantatstabilität, periimplantäre Gewebegesundheit, ästhetische Ergebnisse und prothetischer Behandlungserfolg.
- Wichtigstes Ergebnis: Während des gesamten Beobachtungszeitraums wurde kein Implantatverlust festgestellt; die berichtete Erfolgsrate betrug 100 %.
- Biologische Ergebnisse: Mittlere Sondierungstiefe von 3 mm bei nur minimalen Entzündungszeichen.
- Ästhetische Ergebnisse: Durchschnittlicher Pink Esthetic Score von 12,3 ± 1,1 (Bereich: 10–14).
- Prothetische Komplikationen: Zwei Kronen mussten nach drei Jahren erneut zementiert werden; schwerwiegende biologische oder mechanische Komplikationen wurden nicht berichtet.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Patientenspezifische, additiv gefertigte subperiostale Implantate könnten bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit lokalem Knochenmangel und vorausgegangenem Implantatversagen eine vielversprechende Behandlungsalternative darstellen.
- Wesentliche Limitationen: Kleine Stichprobe, retrospektives Studiendesign, fehlende Kontrollgruppe und Bedarf an Langzeitdaten.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie erweitert die wissenschaftliche Literatur um erste klinische Daten zum Einsatz patientenspezifischer, additiv gefertigter subperiostaler Implantate bei einer sehr spezifischen Indikation: der Rehabilitation von Patienten mit Agenesie der oberen lateralen Schneidezähne und ausgeprägter lokaler Knochenatrophie nach Versagen konventioneller Implantattherapien. Damit richtet sich der Fokus nicht auf generalisierte Kieferatrophien, sondern auf eine anspruchsvolle ästhetische Situation im Frontzahnbereich.
Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial digitaler Technologien in der modernen Implantologie. Die Kombination aus dreidimensionaler Behandlungsplanung, CAD-gestützter Implantatkonstruktion und additiver Fertigung ermöglicht die Entwicklung individueller Implantatlösungen für Patienten, deren anatomische Voraussetzungen eine konventionelle Implantation erschweren oder ausschließen.
Gleichzeitig sollte die wissenschaftliche Aussagekraft angemessen eingeordnet werden. Aufgrund des Studiendesigns können die Ergebnisse weder als Bestätigung der Überlegenheit dieser Technik noch als Grundlage für allgemeine Therapieempfehlungen angesehen werden. Dennoch liefert die Arbeit wichtige Ausgangsdaten für zukünftige prospektive Studien, die Langzeitstabilität, biologische Integration, prothetische Ergebnisse, patientenbezogene Endpunkte sowie den Stellenwert dieser Technologie im Vergleich zu etablierten implantologischen Behandlungskonzepten untersuchen.
11. Redaktionelles Fazit
Diese retrospektive Fallserie liefert ermutigende klinische Ergebnisse für den Einsatz additiv gefertigter, patientenspezifischer subperiostaler Implantate bei der Rehabilitation von Agenesien der oberen lateralen Schneidezähne mit ausgeprägter lokaler Knochenatrophie. Innerhalb des untersuchten Nachbeobachtungszeitraums wurden eine hohe Implantatstabilität, günstige periimplantäre Gewebeverhältnisse, überzeugende ästhetische Resultate und nur wenige prothetische Komplikationen dokumentiert.
Aufgrund des niedrigen Evidenzniveaus, der begrenzten Fallzahl und des retrospektiven Studiendesigns sollten diese Ergebnisse jedoch mit der gebotenen wissenschaftlichen Zurückhaltung interpretiert werden. Die Studie stellt einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung patientenspezifischer implantologischer Therapiekonzepte dar und bildet eine Grundlage für zukünftige klinische Untersuchungen mit höherem Evidenzniveau.
