Bibliografie
Rehabilitation eines stark atrophierten Oberkiefers mit einem CAD/CAM-gestützten patientenspezifischen subperiostalen Implantat: Fallbericht eines digitalen Behandlungsworkflows
- 4 August 2026
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Pablo Revuelta-Cortés, Dorsaf Sahli, Mónica Serrano Torrecilla, Natalia Martínez-Rodríguez, Juan Santos Marino, José María Martínez-González.
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41707925/
Rehabilitation eines stark atrophierten Oberkiefers mit einem CAD/CAM-gestützten patientenspezifischen subperiostalen Implantat: Fallbericht eines digitalen Behandlungsworkflows
1. Wissenschaftliche Referenz
- Titel der Studie: CAD/CAM-assisted subperiosteal implant rehabilitation of a severely atrophic maxilla: A digital workflow case report.
- Autoren: Pablo Revuelta-Cortés, Dorsaf Sahli, Monica Serrano Torrecilla, Natalia Martínez-Rodríguez, Juan Santos Marino, José María Martínez-González.
- Fachzeitschrift: Journal of Stomatology, Oral and Maxillofacial Surgery.
- Erscheinungsjahr: 2026.
- DOI: 10.1016/j.jormas.2026.102762.
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantologische Versorgung stark atrophierter Oberkiefer zählt weiterhin zu den anspruchsvollsten Aufgaben der modernen oralen Rehabilitation. Nach dem Verlust von Implantaten infolge einer fortgeschrittenen Periimplantitis steht häufig nur noch ein stark reduziertes Knochenangebot zur Verfügung, wodurch die Insertion konventioneller enossaler Implantate erheblich erschwert oder unmöglich wird. In solchen Situationen erfordern etablierte Therapiekonzepte oftmals umfangreiche augmentative Eingriffe, die mit einer erhöhten chirurgischen Belastung und längeren Behandlungszeiten verbunden sein können.
Die rasante Entwicklung digitaler Technologien hat in den vergangenen Jahren das Interesse an individuell gefertigten subperiostalen Implantaten erneut geweckt. Durch die Kombination aus dreidimensionaler Bildgebung mittels DVT (CBCT), intraoralem Scan sowie CAD/CAM-gestützter Konstruktion lassen sich heute patientenspezifische Titanimplantate herstellen, die präzise an die verbliebene Knochenanatomie angepasst werden können. Der vorliegende Fallbericht beschreibt die Anwendung eines vollständig digitalen Workflows bei der Rehabilitation eines stark atrophierten Oberkiefers nach implantatbedingtem Knochenverlust infolge einer Periimplantitis.
3. Ziel der Studie
Ziel dieses Fallberichts war es, den vollständigen digitalen Behandlungsablauf für die Planung, Konstruktion und klinische Eingliederung eines patientenspezifischen CAD/CAM-gefertigten subperiostalen Implantats nach Explantation nicht erhaltungswürdiger Implantate infolge einer Periimplantitis darzustellen. Darüber hinaus sollten die anschließende prothetische Rehabilitation sowie die klinischen Ergebnisse während der Nachbeobachtungszeit dokumentiert werden.
4. Methodik
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um einen klinischen Fallbericht über die Behandlung einer 53-jährigen Patientin mit ausgeprägter Periimplantitis an mehreren Oberkieferimplantaten, die sieben Jahre zuvor inseriert worden waren. Als wesentlicher Risikofaktor wurde ein Tabakkonsum von etwa fünfzehn Zigaretten täglich dokumentiert. Im Rahmen der Behandlungsplanung wurde der Patientin eine Reduktion des Rauchens empfohlen, um die Weichgewebeheilung und die periimplantäre Gesundheit zu unterstützen.
Zunächst wurden sämtliche prognostisch ungünstigen Implantate entfernt, während stabile posterior gelegene Implantate erhalten blieben, um eine festsitzende provisorische Versorgung während der Einheilungsphase zu ermöglichen. Nach einer sechsmonatigen Heilungsphase erfolgten eine digitale Volumentomographie (CBCT) sowie ein intraoraler Scan. Die daraus gewonnenen DICOM- und STL-Datensätze wurden zusammengeführt und dienten als Grundlage für die virtuelle Konstruktion eines patientenspezifischen Titan-Subperiostalimplantats mittels CAD/CAM-Technologie. Nach der chirurgischen Insertion unter Sedierung und lokaler Anästhesie wurde zunächst eine provisorische Versorgung eingegliedert, bevor nach Ausheilung eine definitive Hybridprothese auf Titanbasis hergestellt wurde. Die klinische und radiologische Nachbeobachtung erstreckte sich über zwei Jahre.
5. Wichtigste Ergebnisse
Der vollständig digitale Workflow ermöglichte die Herstellung eines individuell angepassten Titan-Subperiostalimplantats, das präzise auf die verbliebene Anatomie des Oberkiefers abgestimmt war. Nach Angaben der Autoren erleichterte diese patientenspezifische Konstruktion die passive Einpassung des Implantats während des chirurgischen Eingriffs und machte zusätzliche knochenaugmentative Maßnahmen vor der definitiven implantatgetragenen Rehabilitation in diesem Fall entbehrlich.
Nach der Implantation wurde zunächst eine festsitzende provisorische Versorgung angefertigt, die sowohl auf den erhaltenen posterioren Implantaten als auch auf den Verbindungselementen des subperiostalen Implantats abgestützt wurde. Nach vollständiger Ausheilung der Weichgewebe erfolgte die Herstellung einer definitiven Hybridprothese mit einer Titanstruktur und ästhetischen Kompositverblendungen. Vor der definitiven Fertigstellung wurden sowohl die Passgenauigkeit als auch funktionelle und ästhetische Parameter mithilfe eines PMMA-Prototyps überprüft.
Während der zweijährigen Nachbeobachtung wurden keine Weichgewebskomplikationen und keine prothetischen Komplikationen dokumentiert. Auf Grundlage dieses Einzelfalls kommen die Autoren zu dem Schluss, dass CAD/CAM-gefertigte patientenspezifische Subperiostalimplantate bei ausgewählten Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie eine praktikable Behandlungsoption darstellen können, sofern eine konventionelle Versorgung mit enossalen Implantaten nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass diese Schlussfolgerung aufgrund des Charakters eines einzelnen Fallberichts mit entsprechender Zurückhaltung interpretiert werden sollte.
6. Klinische Analyse
Der wissenschaftliche Wert dieser Veröffentlichung liegt weniger im Nachweis der Überlegenheit einer neuen Implantattechnik als vielmehr in der anschaulichen Darstellung eines vollständig digitalen Therapiekonzepts für besonders komplexe implantologische Ausgangssituationen. Der Fallbericht zeigt, wie moderne digitale Planungsverfahren genutzt werden können, um ein individuell gefertigtes Implantat exakt an die vorhandene Knochenanatomie und gleichzeitig an die geplante prothetische Versorgung anzupassen.
Besonders hervorzuheben ist der konsequent prothetisch orientierte Behandlungsansatz. Bereits während der virtuellen Planung wurde das spätere definitive Restaurationskonzept berücksichtigt, sodass Implantatdesign und prothetische Anforderungen miteinander abgestimmt werden konnten. Dieses Vorgehen entspricht dem heutigen Verständnis einer digitalen, restaurativ orientierten Implantatplanung, bei der chirurgische und prothetische Aspekte nicht getrennt, sondern als zusammenhängender Behandlungsprozess betrachtet werden.
Der beschriebene Fall verdeutlicht außerdem, dass individuell gefertigte Subperiostalimplantate insbesondere in Situationen mit erheblichem Knochenverlust nach Implantatversagen eine mögliche therapeutische Alternative darstellen können. Durch die patientenspezifische Konstruktion konnte in diesem Fall auf zusätzliche Knochenaugmentationen verzichtet werden. Daraus lässt sich jedoch keine generelle Überlegenheit gegenüber anderen rekonstruktiven Verfahren ableiten, da weder ein Vergleich mit alternativen Therapiekonzepten durchgeführt wurde noch Aussagen zur langfristigen Überlegenheit möglich sind.
Darüber hinaus unterstreicht die Studie die Bedeutung einer sorgfältigen Patientenselektion. Die Autoren weisen auf die Notwendigkeit hin, entzündliche Prozesse zunächst vollständig zu kontrollieren, eine ausreichende Heilungsphase nach der Explantation einzuhalten und individuelle Risikofaktoren wie das Rauchen konsequent in die Therapieplanung einzubeziehen. Der klinische Erfolg scheint somit nicht ausschließlich von der digitalen Technologie abhängig zu sein, sondern ebenso von einer strukturierten biologischen und chirurgischen Behandlungsstrategie.
Schließlich ordnen die Autoren ihre Ergebnisse in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext ein. Sie weisen darauf hin, dass die verfügbare Evidenz zu CAD/CAM-gestützten Subperiostalimplantaten bislang überwiegend auf Fallberichten und kleinen Fallserien basiert. Unterschiedliche Erfolgskriterien sowie begrenzte Langzeitdaten erschweren derzeit eine belastbare Bewertung dieser Therapieform. Aus diesem Grund sollte der vorliegende Fallbericht als klinisch interessante Demonstration einer innovativen Versorgungsstrategie verstanden werden und nicht als Grundlage für allgemeingültige Therapieempfehlungen.
7. Klinische Anwendungen
Die in diesem Fallbericht beschriebenen Ergebnisse legen nahe, dass CAD/CAM-gefertigte patientenspezifische Subperiostalimplantate insbesondere bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie eine therapeutische Option darstellen können. Das vorgestellte Behandlungskonzept richtet sich vor allem an Situationen, in denen aufgrund eines erheblichen Knochenverlustes nach Periimplantitis eine Versorgung mit konventionellen enossalen Implantaten nicht mehr realisierbar ist. Die Autoren verstehen diese Technik ausdrücklich als mögliche Salvage-Therapie für komplexe klinische Ausgangssituationen und nicht als Standardverfahren der Implantologie.
Darüber hinaus verdeutlicht die Arbeit den Stellenwert eines vollständig digitalen Behandlungsablaufs. Die Kombination aus CBCT-Diagnostik, intraoralem Scan, virtueller Implantatplanung und CAD/CAM-Fertigung ermöglicht eine patientenspezifische Konstruktion des Implantats unter gleichzeitiger Berücksichtigung der späteren prothetischen Versorgung. Damit wird ein konsequent restaurativ orientierter Therapieansatz verfolgt, der sowohl chirurgische Präzision als auch funktionelle Anforderungen berücksichtigt.
Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass aus diesem Einzelfall keine generellen Therapieempfehlungen abgeleitet werden können. Ob patientenspezifische Subperiostalimplantate künftig einen festen Platz innerhalb der implantologischen Rehabilitation einnehmen werden, muss durch prospektive klinische Studien mit größeren Patientenkollektiven und längeren Nachbeobachtungszeiten untersucht werden.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um einen klinischen Fallbericht und damit um eine Studie mit niedrigem Evidenzniveau. Obwohl der Behandlungsablauf ausführlich dokumentiert wird und wertvolle klinische Erfahrungen vermittelt, erlaubt das Studiendesign weder Aussagen zur Überlegenheit dieser Technik gegenüber alternativen Therapieverfahren noch eine Verallgemeinerung der beobachteten Ergebnisse.
Die Autoren weisen selbst auf mehrere wesentliche Einschränkungen hin. Die bisher verfügbare wissenschaftliche Literatur besteht überwiegend aus Fallberichten und kleinen Fallserien mit unterschiedlichen Erfolgskriterien sowie variierenden Nachbeobachtungszeiträumen. Zudem fehlen derzeit belastbare Langzeitdaten, insbesondere hinsichtlich biologischer Komplikationen und der langfristigen Prognose subperiostaler Implantate. Aus diesen Gründen sollten die Ergebnisse mit angemessener wissenschaftlicher Zurückhaltung interpretiert werden.
Hinsichtlich der wissenschaftlichen Transparenz erklären die Autoren, dass keine finanziellen oder persönlichen Interessenkonflikte bestehen, die die Ergebnisse beeinflusst haben könnten. Darüber hinaus wurde die Studie ohne öffentliche oder private Forschungsförderung durchgeführt.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Klinischer Fallbericht.
- Evidenzniveau: Niedrig.
- Studienpopulation: Eine 53-jährige Patientin mit ausgeprägter Oberkieferatrophie nach Implantatverlust infolge einer fortgeschrittenen Periimplantitis.
- Anzahl der Patienten: 1.
- Anzahl der patientenspezifischen Subperiostalimplantate: 1.
- Nachbeobachtungszeit: 2 Jahre.
- Primärer Endpunkt: Klinische Durchführbarkeit einer Rehabilitation mittels CAD/CAM-gefertigtem patientenspezifischem Subperiostalimplantat einschließlich der prothetischen Versorgung.
- Wichtigstes Ergebnis: Erfolgreiche festsitzende Rehabilitation ohne dokumentierte Weichgewebs- oder prothetische Komplikationen während der zweijährigen Nachbeobachtung.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Individuell gefertigte CAD/CAM-Subperiostalimplantate können bei sorgfältig ausgewählten Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie eine mögliche Behandlungsalternative darstellen, wenn konventionelle enossale Implantate nicht mehr infrage kommen.
- Limitationen: Einzelfall, keine Kontrollgruppe, eingeschränkte Übertragbarkeit der Ergebnisse, heterogene Datenlage in der Literatur sowie fehlende Langzeitstudien.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Dieser Fallbericht trägt zur wachsenden wissenschaftlichen Literatur über CAD/CAM-gefertigte patientenspezifische Subperiostalimplantate bei und verdeutlicht, wie digitale Technologien neue Möglichkeiten für die Rehabilitation stark atrophierter Kiefer schaffen können. Die eigentliche Innovation liegt dabei weniger im Implantatkonzept selbst als vielmehr in der konsequenten Integration moderner digitaler Verfahren – von der dreidimensionalen Bildgebung über die virtuelle Planung bis hin zur patientenspezifischen Fertigung und prothetisch orientierten Rehabilitation.
Ein besonderer wissenschaftlicher Beitrag dieser Veröffentlichung besteht in der detaillierten Beschreibung eines vollständig digitalen Behandlungsablaufs. Die Autoren zeigen, wie sich chirurgische Planung und prothetische Versorgung bereits in der virtuellen Konstruktionsphase miteinander verknüpfen lassen. Dadurch wird ein individualisierter Therapieansatz ermöglicht, der die vorhandene Anatomie berücksichtigt und gleichzeitig die spätere funktionelle und ästhetische Rehabilitation einbezieht. Der Fall liefert damit praktische Erkenntnisse für Kliniker, die sich mit komplexen implantologischen Rekonstruktionen beschäftigen.
Darüber hinaus verdeutlicht die Arbeit die bestehenden Wissenslücken auf diesem Gebiet. Die Autoren weisen auf die uneinheitlichen Definitionen von Implantaterfolg und Implantatüberleben, die unterschiedlichen Studiendesigns sowie die bislang begrenzten Langzeitdaten hin. Diese methodischen Unterschiede erschweren derzeit eine belastbare Bewertung der klinischen Vorhersagbarkeit patientenspezifischer Subperiostalimplantate. Deshalb wird die Notwendigkeit prospektiver Kohortenstudien mit standardisierten Erfolgskriterien und längerer Nachbeobachtung ausdrücklich hervorgehoben.
Insgesamt erweitert dieser Fallbericht die wissenschaftliche Diskussion über digitale Lösungen in der Implantologie. Er liefert keine endgültigen klinischen Empfehlungen, dokumentiert jedoch die praktische Umsetzbarkeit eines innovativen Behandlungskonzepts und unterstreicht den Bedarf an hochwertiger klinischer Evidenz, um die zukünftige Rolle CAD/CAM-gefertigter Subperiostalimplantate in der Versorgung stark atrophierter Kiefer besser einordnen zu können.
11. Redaktionelles Fazit
Der vorliegende Fallbericht beschreibt die Rehabilitation eines stark atrophierten Oberkiefers mithilfe eines CAD/CAM-gefertigten patientenspezifischen Subperiostalimplantats nach Implantatverlust infolge einer fortgeschrittenen Periimplantitis. Im dargestellten Einzelfall konnte durch einen vollständig digitalen Behandlungsworkflow eine funktionelle und ästhetische festsitzende Rehabilitation erreicht werden, ohne dass während der zweijährigen Nachbeobachtung biologische oder prothetische Komplikationen berichtet wurden. Aufgrund des niedrigen Evidenzniveaus eines einzelnen Fallberichts sollten diese Ergebnisse jedoch mit der gebotenen wissenschaftlichen Vorsicht interpretiert werden. Die Arbeit stellt vor allem einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung digitaler implantologischer Therapiekonzepte dar und unterstreicht die Notwendigkeit weiterer klinischer Studien mit größeren Patientenkollektiven und langfristiger Nachbeobachtung.
