Bibliografie
RETROSPEKTIVE RADIOLOGISCHE UND KLINISCHE UNTERSUCHUNG VON SOFORT BELASTETEN FESTSITZENDEN VOLLBOGENPROTHESEN AUF INDIVIDUELL ANGEFERTIGTEN, 3D-GEDRUCKTEN SUBPERIOSTALEN TITANIMPLANTATEN BEI PATIENTEN MIT SCHWERER KIEFERATROPHIE: ENTWICKLUNG EINES IMPLANTAT-ERFOLGSCODES
- 13 März 2025
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Ernesto Vatteroni, Paolo Toti, Ugo Covani, Roberto Crespi, Saverio Cosola, Giovanni-Battista Menchini-Fabris
Full text link : https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40080050/
Retrospektive radiologische und klinische Untersuchung von sofort belasteten festsitzenden Vollbogenprothesen auf individuell angefertigten, 3D-gedruckten subperiostalen Titanimplantaten bei Patienten mit schwerer Kieferatrophie: Entwicklung eines Implantat-Erfolgscodes
1. Wissenschaftliche Referenz
- Titel der Studie: Retrospektive radiologische und klinische Untersuchung von sofort belasteten festsitzenden Vollbogenprothesen auf individuell angefertigten, 3D-gedruckten subperiostalen Titanimplantaten bei Patienten mit schwerer Kieferatrophie: Entwicklung eines Implantat-Erfolgscodes
- Autoren: Ernesto Vatteroni, Paolo Toti, Ugo Covani, Roberto Crespi, Saverio Cosola, Giovanni-Battista Menchini-Fabris
- Fachzeitschrift: The International Journal of Oral & Maxillofacial Implants
- Erscheinungsjahr: 2025
- DOI: 10.11607/jomi.11210
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantologische Versorgung von Patienten mit ausgeprägter Ober- oder Unterkieferatrophie stellt weiterhin eine der größten Herausforderungen in der oralen Chirurgie und Implantologie dar. Bei stark reduziertem Knochenangebot sind konventionelle enossale Implantate häufig nur nach aufwendigen augmentativen Verfahren möglich, was die Behandlungsdauer verlängert und die chirurgische Komplexität erhöht.
Die Fortschritte in der digitalen Zahnmedizin haben in den letzten Jahren das Interesse an subperiostalen Implantaten neu belebt. Moderne CAD/CAM-Verfahren, dreidimensionale Bildgebung und additive Fertigungstechnologien ermöglichen die Herstellung patientenspezifischer Titanstrukturen, die präzise an die individuelle Kieferanatomie angepasst werden können.
Trotz dieser technologischen Entwicklung existieren bislang keine allgemein anerkannten Kriterien zur Bewertung des Erfolgs oder Misserfolgs solcher Rekonstruktionen. Die vorliegende Studie setzt genau an diesem Punkt an und verfolgt das Ziel, sowohl klinische Ergebnisse zu dokumentieren als auch ein standardisiertes Bewertungssystem für subperiostale Implantate zu etablieren.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser retrospektiven Untersuchung war die klinische und radiologische Beurteilung von Patienten, die mit sofort belasteten festsitzenden Vollbogenprothesen auf individuell gefertigten, 3D-gedruckten subperiostalen Titanimplantaten versorgt wurden.
Darüber hinaus wollten die Autoren ein standardisiertes Klassifikationssystem entwickeln, das eine differenzierte Einteilung in Erfolg, Überleben und Misserfolg von subperiostalen Implantatversorgungen ermöglicht. Hierfür wurde das sogenannte SIO-Konzept (Stability–Inflammation–Offset) eingeführt.
4. Methodik
Es handelt sich um eine retrospektive klinische Beobachtungsstudie. Analysiert wurden Patienten, die zwischen 2018 und 2021 mittels individuell geplanter und CAD/CAM-gefertigter subperiostaler Implantate rehabilitiert wurden.
Insgesamt wurden 18 Patienten mit einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von etwa zwei Jahren ausgewertet. Dabei kamen 26 subperiostale Implantate zum Einsatz, davon 11 im Oberkiefer und 15 im Unterkiefer.
Die Implantate wurden auf Grundlage von CT-Daten digital geplant und anschließend mittels 3D-Druck aus medizinischem Titan hergestellt.
Untersucht wurden:
- die Implantatstabilität,
- der Zustand der periimplantären Weichgewebe,
- chirurgische Komplikationen,
- die Genauigkeit zwischen virtueller Planung und tatsächlicher Implantatposition,
- sowie die prothetischen Ergebnisse.
Für die radiologische Analyse wurden die Positionen von 189 Osteosyntheseschrauben und Fixationshülsen zwischen präoperativer Planung und postoperativem Ergebnis dreidimensional verglichen.
5. Hauptergebnisse
Während des gesamten Beobachtungszeitraums ging kein Implantat verloren. Daraus ergab sich eine kumulative Implantatüberlebensrate von 100 % nach zwei Jahren.
Im Hinblick auf das Stabilitätskriterium traten bei vier mandibulären Implantaten vorübergehende Mobilitäten auf. In einigen Fällen mussten Osteosyntheseschrauben gegen Schrauben größeren Durchmessers ausgetauscht oder Fixationselemente angepasst werden. Diese Situationen wurden nach den SIO-Kriterien als „Überleben“ und nicht als Implantatversagen eingestuft.
Im Bereich der periimplantären Weichgewebe wurden bei zwei Patienten Mukosarezessionen beziehungsweise Dehiszenzen beobachtet. Diese Veränderungen führten weder zum Implantatverlust noch zu einer Explantation.
Die radiologische Auswertung zeigte eine mittlere Gesamtabweichung zwischen geplanter und tatsächlicher Implantatposition von 1,66 ± 0,99 mm. Die horizontalen Abweichungen waren signifikant größer als die vertikalen.
Lediglich ein Patient überschritt die definierten Grenzwerte des Offset-Kriteriums. Unter Anwendung der SIO-Klassifikation ergab sich nach zwei Jahren eine kumulative Erfolgsrate von 73,1 %.
Auf prothetischer Ebene wurden keine mechanischen oder funktionellen Komplikationen dokumentiert. Die Erfolgsrate der Prothesen lag somit bei 100 %.
6. Klinische Analyse
Die besondere Bedeutung dieser Studie liegt in ihrem Versuch, die bisher oft unscharf verwendeten Begriffe „Implantatüberleben“ und „Implantaterfolg“ klar voneinander abzugrenzen. Während viele frühere Publikationen lediglich das Vorhandensein eines funktionierenden Implantats dokumentierten, berücksichtigt das vorgeschlagene SIO-System zusätzlich biologische und chirurgische Parameter.
Die Ergebnisse zeigen, dass patientenspezifische subperiostale Implantate bei stark atrophierten Kiefern über einen Zeitraum von zwei Jahren eine stabile funktionelle Versorgung ermöglichen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass kleinere biologische oder technische Komplikationen auftreten können, ohne zwangsläufig zum Verlust der Implantate zu führen.
Besonders interessant ist die Analyse der Abweichungen zwischen virtueller Planung und tatsächlicher Implantatposition. Diese Daten liefern wertvolle Informationen über die Präzision moderner digitaler Workflows und können für die chirurgische Risikoabschätzung von Bedeutung sein.
Die Resultate sollten jedoch nicht als Beleg für eine Überlegenheit gegenüber konventionellen enossalen Implantaten interpretiert werden. Die Studie enthält keinen direkten Vergleich mit anderen Therapiekonzepten. Vielmehr liefert sie Hinweise darauf, dass subperiostale Implantate unter bestimmten Voraussetzungen eine therapeutische Alternative für Patienten mit ausgeprägter Kieferatrophie darstellen können.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Untersuchung können insbesondere für folgende klinische Situationen relevant sein:
- schwere Oberkiefer- oder Unterkieferatrophie,
- vollständige Zahnlosigkeit mit begrenztem Knochenangebot,
- komplexe implantologische Rehabilitationen,
- digitale Behandlungsabläufe mit CT-basierter Planung,
- CAD/CAM-gestützte Implantatfertigung,
- Sofortbelastungskonzepte bei festsitzenden Vollbogenversorgungen,
- Patienten, bei denen umfangreiche Knochenaugmentationen schwierig oder unerwünscht sind.
Die Studie liefert jedoch keine Grundlage für allgemeingültige Therapieempfehlungen, sondern beschreibt die Ergebnisse einer spezifischen Patientengruppe.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie, die im Vergleich zu randomisierten kontrollierten Studien ein begrenztes Evidenzniveau aufweist.
Zu den wesentlichen Limitationen gehören:
- die geringe Stichprobengröße von 18 Patienten,
- das Fehlen einer Kontrollgruppe,
- die auf etwa zwei Jahre begrenzte Nachbeobachtungszeit,
- mögliche Messungenauigkeiten bei der Überlagerung dreidimensionaler Datensätze,
- die retrospektive Studienanlage.
Die Autoren geben an, dass keine externe Finanzierung erfolgte. Zudem wurden keine Interessenkonflikte angegeben.
Die Ergebnisse sollten daher als klinische Beobachtungsdaten interpretiert werden, die weiterer Bestätigung durch größere prospektive Untersuchungen bedürfen.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Retrospektive Beobachtungsstudie
- Evidenzniveau: Klinische retrospektive Untersuchung
- Patientenkollektiv: Patienten mit schwerer Ober- und/oder Unterkieferatrophie
- Anzahl der Patienten: 18
- Anzahl der Implantate: 26 individuell gefertigte subperiostale Implantate
- Nachbeobachtungszeit: Etwa 2 Jahre
- Hauptbewertungskriterium: SIO-Klassifikation (Stabilität, Inflammation, Offset)
- Wichtigstes Ergebnis: 100 % Implantatüberleben nach zwei Jahren
- Erfolgsrate nach SIO: 73,1 %
- Prothetisches Ergebnis: Keine prothetischen Ausfälle
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Das SIO-System ermöglicht eine standardisierte Bewertung von Erfolg, Überleben und Misserfolg subperiostaler Implantate.
- Wesentliche Limitationen: Kleine Fallzahl, retrospektives Design, fehlende Kontrollgruppe.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Forschung über digital geplante und additiv gefertigte subperiostale Implantate für die Versorgung stark atrophierter Kiefer.
Der größte wissenschaftliche Mehrwert liegt in der Einführung eines strukturierten Bewertungssystems, das speziell für diese Implantatart entwickelt wurde. Durch die Kombination von Stabilität, Weichgewebsgesundheit und Positionsgenauigkeit entsteht ein differenzierter Ansatz zur Beurteilung klinischer Ergebnisse.
Darüber hinaus liefert die Untersuchung originale Daten zur dreidimensionalen Abweichung zwischen virtueller Planung und chirurgischem Endergebnis. Solche Informationen sind für die Weiterentwicklung digitaler implantologischer Konzepte von erheblicher Bedeutung.
Die Studie stellt somit einen wichtigen Schritt in Richtung einer standardisierten Berichterstattung über subperiostale Implantate dar und kann als Grundlage für zukünftige prospektive Untersuchungen dienen.
11. Redaktionelles Fazit
Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass individuell gefertigte, 3D-gedruckte subperiostale Titanimplantate bei Patienten mit ausgeprägter Kieferatrophie über einen Zeitraum von zwei Jahren eine stabile funktionelle Rehabilitation ermöglichen können. Der wesentliche Beitrag der Studie liegt jedoch weniger in den klinischen Erfolgsraten als vielmehr in der Entwicklung der SIO-Klassifikation, die eine standardisierte und differenzierte Bewertung dieser Behandlungsform erlaubt. Aufgrund der begrenzten Patientenzahl und des retrospektiven Designs sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden, bieten jedoch eine wertvolle Grundlage für zukünftige Forschung im Bereich der digitalen Implantologie.
