Bibliografie
Additiv gefertigte subperiostale Titanimplantate: Eine langfristige retrospektive klinische Untersuchung an 10 Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie
- 5 August 2026
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Jan Łoginoff, Agata Majos, Marcin Elgalal
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41109674/
Additiv gefertigte subperiostale Titanimplantate: Eine langfristige retrospektive klinische Untersuchung an 10 Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Additively Manufactured Titanium Subperiosteal Implants: A Long-Term Retrospective Clinical Evaluation of 10 Patients with Severe Mandibular Atrophy
- Autoren: Jan Łoginoff, Agata Majos, Marcin Elgalal
- Fachzeitschrift: Journal of Oral and Maxillofacial Surgery, Medicine, and Pathology
- Erscheinungsjahr: 2025
- DOI: 10.1016/j.jormas.2025.102621
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Eine ausgeprägte Unterkieferatrophie stellt in der modernen Implantologie eine erhebliche therapeutische Herausforderung dar. Ist das verbleibende Knochenangebot stark reduziert, können konventionelle enossale Implantate häufig nicht mehr sicher inseriert werden, ohne zuvor umfangreiche knochenaufbauende Maßnahmen durchzuführen. Daher gewinnen alternative Rekonstruktionskonzepte zunehmend an Bedeutung.
Die Kombination aus dreidimensionaler Bildgebung, digitaler CAD/CAM-Planung und additiver Fertigung hat das Interesse an patientenspezifischen subperiostalen Implantaten neu belebt. Durch eine individuelle Anpassung an die anatomischen Gegebenheiten sollen diese Implantate eine implantatgetragene Rehabilitation auch in komplexen Fällen ermöglichen, in denen herkömmliche Implantatlösungen nicht infrage kommen. Die vorliegende Studie liefert Langzeitdaten zur klinischen Leistungsfähigkeit individuell gefertigter Titanimplantate, die mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) hergestellt wurden, und untersucht deren Überleben, biologische Komplikationen sowie die langfristige Knochenstabilität.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser retrospektiven Untersuchung war es, die langfristigen klinischen und radiologischen Ergebnisse patientenspezifischer subperiostaler Titanimplantate zu bewerten, die mittels Direct Metal Laser Sintering (DMLS) hergestellt wurden. Im Mittelpunkt standen die Implantatüberlebensrate, postoperative Komplikationen sowie die Stabilität des umgebenden Knochens bei Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie.
4. Methodik
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine retrospektive klinische Studie mit 10 Patienten, die an einer Unterkieferatrophie der Klassen IV bis VI nach Cawood und Howell litten. Für jeden Patienten wurde anhand computertomographischer Aufnahmen ein individuelles Implantat digital geplant und anschließend mittels DMLS aus einer Titanlegierung additiv gefertigt.
Im Rahmen der Nachsorge erfolgten klinische und radiologische Kontrollen zur Beurteilung der Implantatüberlebensrate, möglicher Komplikationen sowie der Knochenstabilität. Die maximale Nachbeobachtungszeit betrug bis zu 12 Jahre. Weitere Angaben zu chirurgischen oder prothetischen Protokollen sowie zu den radiologischen Bewertungsverfahren sind im vorliegenden Abstract nicht enthalten.
5. Wichtigste Ergebnisse
Zum Ende der Beobachtungszeit waren 7 von 10 Implantaten weiterhin funktionstüchtig und klinisch stabil. Daraus ergab sich eine Implantatüberlebensrate von 70 %.
Früh postoperative Beschwerden traten bei allen Patienten in Form von Schmerzen und Schwellungen auf. Laut den Autoren konnten diese konservativ behandelt werden und hatten keinen negativen Einfluss auf die Funktion der Implantate.
Bei drei Patienten entwickelten sich Spätkomplikationen, die schließlich eine Explantation erforderlich machten. Als Ursachen wurden Knochenresorptionen sowie die Bildung von Granulationsgewebe beschrieben. Trotz dieser Ereignisse zeigte die Mehrzahl der Implantate über den langen Beobachtungszeitraum eine anhaltende klinische Stabilität, was auf das Potenzial individuell gefertigter subperiostaler Titanimplantate bei ausgewählten Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie hinweist.
6. Klinische Analyse
Die Studie liefert wertvolle Langzeitdaten zu einer Behandlungsoption für Patienten mit ausgeprägter Unterkieferatrophie, bei denen konventionelle enossale Implantate nicht eingesetzt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein das Implantatdesign, sondern die klinische Umsetzung eines vollständig digitalen Workflows aus CT-basierter Planung, CAD/CAM-Konstruktion und additiver Titanfertigung.
Die Ergebnisse zeigen, dass eine langfristige funktionelle Versorgung bei einem Großteil der behandelten Patienten möglich war. Gleichzeitig verdeutlichen die dokumentierten Spätkomplikationen, dass auch patientenspezifische subperiostale Implantate biologischen Risiken unterliegen. Insbesondere Knochenresorptionen und Granulationsgewebe können den langfristigen Behandlungserfolg beeinträchtigen und eine Implantatentfernung erforderlich machen.
Aufgrund des retrospektiven Studiendesigns und der kleinen Patientenzahl lassen sich die Ergebnisse jedoch nur eingeschränkt auf die allgemeine klinische Praxis übertragen. Darüber hinaus fehlt ein direkter Vergleich mit anderen Rekonstruktionsverfahren oder implantologischen Therapiekonzepten. Dennoch erweitert die Studie die bislang begrenzte Evidenz zu individuell gefertigten subperiostalen Implantaten und unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Patientenselektion sowie einer langfristigen klinischen Nachsorge.
7. Klinische Anwendungen
Die Studienergebnisse sind insbesondere für Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie der Klassen IV bis VI nach Cawood und Howell relevant, bei denen konventionelle enossale Implantate nicht indiziert sind.
Die Untersuchung verdeutlicht das Potenzial eines vollständig digitalen Behandlungsablaufs, der dreidimensionale Bildgebung, CAD/CAM-Planung und additive Titanfertigung kombiniert. Individuell gefertigte subperiostale Implantate können in komplexen implantologischen Rehabilitationen eine Behandlungsoption darstellen, sofern die anatomischen Voraussetzungen dies erfordern. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass eine langfristige klinische und radiologische Kontrolle notwendig bleibt, um mögliche biologische Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Ein Vergleich mit Knochenaugmentationen oder anderen Rekonstruktionsverfahren wurde in den vorliegenden Daten nicht vorgenommen.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Die vorliegende Arbeit ist als retrospektive klinische Studie einzuordnen und besitzt daher ein moderates bis niedriges Evidenzniveau im Vergleich zu prospektiven kontrollierten Studien.
Zu den wesentlichen methodischen Einschränkungen zählen die geringe Patientenzahl (10 Patienten), das retrospektive Studiendesign sowie das Fehlen einer Kontrollgruppe. Diese Faktoren begrenzen die Aussagekraft der Ergebnisse und erschweren den direkten Vergleich mit alternativen implantologischen Behandlungskonzepten.
Im verfügbaren Abstract finden sich keine Angaben zu statistischen Detailanalysen, Finanzierungsquellen oder möglichen Interessenkonflikten der Autoren. Auf Grundlage der bereitgestellten Informationen können hierzu daher keine Aussagen getroffen werden.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Retrospektive klinische Studie
- Evidenzniveau: Moderat bis niedrig
- Studienpopulation: 10 Patienten mit Unterkieferatrophie der Klassen IV–VI nach Cawood und Howell
- Anzahl der Implantate: 10 patientenspezifische subperiostale Titanimplantate
- Maximale Nachbeobachtung: Bis zu 12 Jahre
- Primärer Endpunkt: Implantatüberleben, klinische Stabilität, biologische Komplikationen und Knochenstabilität
- Wichtigstes Ergebnis: Implantatüberlebensrate von 70 %, wobei sieben Implantate langfristig funktionstüchtig blieben
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Patientenspezifische, mittels DMLS gefertigte subperiostale Titanimplantate stellen eine vielversprechende Behandlungsoption für ausgewählte Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie dar, wenn konventionelle Implantate nicht infrage kommen.
- Limitationen: Kleine Stichprobe, retrospektives Studiendesign, keine Kontrollgruppe und kein Vergleich mit alternativen Therapieverfahren.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie erweitert die verfügbare Evidenz zur Anwendung additiv gefertigter patientenspezifischer subperiostaler Implantate im Bereich der komplexen implantologischen Rehabilitation. Obwohl digitale Fertigungsverfahren in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht haben, liegen bislang nur wenige Langzeitdaten zur klinischen Leistungsfähigkeit dieser Implantate vor.
Durch eine Nachbeobachtungszeit von bis zu zwölf Jahren liefert die Untersuchung wichtige Informationen zur langfristigen Funktion solcher Implantate bei Patienten mit ausgeprägter Unterkieferatrophie. Die Ergebnisse belegen zwar nicht die Überlegenheit gegenüber anderen Therapiekonzepten, unterstützen jedoch die klinische Machbarkeit dieser individuell angepassten Versorgungsform. Gleichzeitig wird deutlich, dass biologische Komplikationen auch langfristig auftreten können und in zukünftigen Studien weiter untersucht werden sollten.
Die Arbeit schafft damit eine Grundlage für größere prospektive Untersuchungen, die den Stellenwert additiv gefertigter subperiostaler Implantate innerhalb moderner implantologischer Behandlungskonzepte genauer definieren könnten.
11. Redaktionelles Fazit
Diese retrospektive Langzeitstudie liefert ermutigende klinische Daten zum Einsatz additiv gefertigter, patientenspezifischer subperiostaler Titanimplantate bei Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie. Trotz einzelner biologischer Spätkomplikationen, die bei einem Teil der Patienten eine Explantation erforderlich machten, blieb die Mehrzahl der Implantate über viele Jahre funktionstüchtig. Aufgrund der begrenzten Patientenzahl und des Studiendesigns sollten die Ergebnisse jedoch mit entsprechender Vorsicht interpretiert werden. Dennoch trägt die Untersuchung wesentlich zum wissenschaftlichen Verständnis digital geplanter und additiv gefertigter subperiostaler Implantate als mögliche Alternative in ausgewählten komplexen implantologischen Situationen bei.
