Bibliografie
Implantat-prothetische Rehabilitation des atrophischen posterioren Unterkiefers mit additiv gefertigten patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine Kohortenstudie
- 24 Januar 2024
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Implantat-prothetische Rehabilitation des atrophischen posterioren Unterkiefers mit additiv gefertigten patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine Kohortenstudie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Vollständiger Titel: Implantat-prothetische Rehabilitation des atrophischen posterioren Unterkiefers mit additiv gefertigten patientenspezifischen subperiostalen Implantaten: Eine Kohortenstudie
- Autoren: Luca Antonio Vaira, Antonio Biglio, Antonio Favro und Mitarbeiter.
- Zeitschrift: International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery
- Erscheinungsjahr: 2024
- Band: 53
- Seiten: 533–540
- DOI: 10.1016/j.ijom.2024.01.003
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantologische Rehabilitation stark atrophierter posteriorer Unterkieferregionen stellt eine der komplexesten Situationen der präimplantologischen Chirurgie dar. Wenn die verbleibende Knochenhöhe oberhalb des Nervus alveolaris inferior unzureichend wird, basieren konventionelle Lösungen in der Regel auf Knochenaugmentationsverfahren, dem Einsatz kurzer Implantate oder der Lateralisierung des Nervus alveolaris inferior.
Diese Ansätze weisen jedoch bestimmte Einschränkungen auf. Knochenaufbauverfahren erfordern häufig mehrere chirurgische Eingriffe und sind weiterhin mit nicht unerheblichen Misserfolgsraten verbunden. Implantate, die in augmentierte Bereiche inseriert werden, können zudem höhere Ausfallraten aufweisen als Implantate in nativen Knochen. Die Nervenlateralisierung wiederum bleibt ein technisch anspruchsvoller Eingriff mit dem Risiko persistierender neurosensorischer Komplikationen.
Das Aufkommen patientenspezifischer subperiostaler Implantate der neuen Generation, die mittels dreidimensionaler digitaler Planung und additiver Titanfertigung hergestellt werden, eröffnet neue Perspektiven für Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie, ohne dass Knochenaugmentationen erforderlich sind.
3. Ziel der Studie
Ziel dieser Studie war die retrospektive Bewertung der klinischen, radiologischen und prothetischen Ergebnisse patientenspezifischer, im 3D-Druck hergestellter subperiostaler Implantate zur Rehabilitation stark atrophierter posteriorer Unterkieferregionen.
Die Autoren analysierten insbesondere:
- die chirurgische Sicherheit;
- postoperative Komplikationen;
- die periimplantäre Knochenstabilität;
- das Verhalten der Weichgewebe;
- die Erhaltung der Implantate während des Nachbeobachtungszeitraums.
4. Methodik
Diese retrospektive Kohortenstudie umfasste Patienten mit schwerer posteriorer Unterkieferatrophie der Klassen V oder VI nach Cawood und Howell, die zwischen September 2018 und August 2022 an der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Sassari, Italien, behandelt wurden.
Alle Implantate wurden individuell geplant auf Grundlage von:
- hochauflösenden DVT-/CBCT-Untersuchungen;
- intraoralen digitalen Scans;
- einem vorläufigen digitalen Prothetikprojekt;
- einer patientenspezifischen CAD/CAM-Planung.
Die Implantate wurden aus Titan Grad V mittels additiver Laserschmelztechnologie gefertigt und anschließend mit Osteosyntheseschrauben am Unterkieferknochen fixiert.
Die provisorische Prothese wurde zehn Tage nach der Operation eingesetzt, während die definitive Versorgung nach sechs Monaten Gewebeheilung erfolgte.
5. Hauptergebnisse
Studienpopulation
Die Analyse umfasste:
- 17 Patienten;
- 30 patientenspezifische subperiostale Implantate;
- Durchschnittsalter: 60,4 Jahre;
- mittlere Nachbeobachtungszeit: 22,5 Monate (7 bis 53 Monate).
Chirurgische Komplikationen
Es wurden keine schwerwiegenden intraoperativen Komplikationen beobachtet.
Die wichtigste postoperative Nebenwirkung war ein mäßiges Ödem, das sich innerhalb von weniger als zehn Tagen vollständig zurückbildete.
Eine vorübergehende Hypästhesie im Versorgungsgebiet des Nervus mentalis wurde bei sechs Implantaten beobachtet, die unterhalb des Nervenverlaufs positioniert waren. Alle Fälle bildeten sich spontan nach durchschnittlich 3,2 Wochen zurück.
Implantatüberleben
Während des Nachbeobachtungszeitraums wurde kein Implantatverlust registriert.
Die in dieser Kohorte beobachtete Implantatüberlebensrate betrug somit 100 %.
Radiologische Ergebnisse
Regelmäßige CBCT-Untersuchungen zeigten:
- keine Implantatverschiebung;
- keine Lockerung der Schrauben;
- keinen signifikanten Knochenverlust unter den Abutments;
- keine Beweglichkeit der Implantatstrukturen.
Statistische Vergleiche zwischen den verschiedenen Nachbeobachtungszeitpunkten zeigten keine signifikanten Veränderungen an der Knochen-Implantat-Grenzfläche unter den prothetischen Abutments.
Zustand der Weichgewebe
Während des gesamten Nachbeobachtungszeitraums wurde keine partielle oder vollständige Implantatexposition beobachtet.
Die Blutung auf Sondierung blieb gering und nahm im Verlauf weiter ab, was auf eine gute Stabilität der periimplantären Gewebe hinweist.
6. Klinische Analyse
Diese Studie liefert besonders interessante Daten zu einer bislang nur unzureichend dokumentierten Indikation: dem Einsatz patientenspezifischer subperiostaler Implantate in posterioren Unterkieferregionen.
Eine der Stärken des Protokolls liegt in der Positionierung der Abutments direkt auf dem Basalknochen, der als weniger resorptionsanfällig gilt als der verbleibende Alveolarknochen. Dieser Ansatz soll die fortschreitenden Knochenverlustprozesse begrenzen, die historisch zu den Misserfolgen der ersten Generation subperiostaler Implantate beigetragen haben.
Die Autoren betonen außerdem die Bedeutung mehrerer biomechanischer Prinzipien:
- Abstand der Implantatstruktur zur Inzisionslinie;
- Positionierung der Fixationsschrauben in Bereichen maximaler mandibulärer Belastbarkeit;
- Schonung des Nervus mentalis;
- Verteilung der okklusalen Kräfte auf den darunterliegenden Knochen.
Das vollständige Fehlen von Implantatexpositionen ist besonders bemerkenswert angesichts der Vorgeschichte älterer subperiostaler Implantate, bei denen mukosale Komplikationen zu den Hauptursachen langfristiger Misserfolge gehörten.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Studie betreffen vor allem:
- Patienten mit schwerer posteriorer Unterkieferatrophie;
- Situationen, in denen kurze Implantate nicht möglich sind;
- Fälle, in denen Knochenaugmentationen abgelehnt werden oder kontraindiziert sind;
- Patienten, die die Anzahl chirurgischer Eingriffe begrenzen möchten;
- komplexe implantatgetragene Rehabilitationen unter Einsatz digitaler Technologien.
Dieser Ansatz kann eine interessante Alternative darstellen, wenn die verbleibende Knochenhöhe oberhalb des Nervus alveolaris inferior für eine konventionelle Implantation unzureichend ist.
8. Evidenzniveau und Limitationen
Diese Publikation entspricht einer retrospektiven Kohortenstudie aus einem einzigen Zentrum.
Mehrere Einschränkungen müssen berücksichtigt werden:
- Stichprobengröße auf 17 Patienten begrenzt;
- Fehlen einer Kontrollgruppe;
- keine Randomisierung;
- Nachbeobachtungsdauer noch unzureichend zur Beurteilung sehr langfristiger Ergebnisse;
- Unmöglichkeit, das optimale Implantatdesign zu bestimmen.
Die Autoren selbst betonen die Notwendigkeit groß angelegter prospektiver Studien zur Bestätigung dieser vorläufigen Ergebnisse.
9. Kernaussagen
- 17 Patienten und 30 Implantate wurden analysiert.
- Implantatüberlebensrate von 100 %.
- Keine Infektionen während der Nachbeobachtung beobachtet.
- Keine Implantatexposition festgestellt.
- Kein signifikanter Knochenverlust unter den Abutments.
- Vorübergehende Hypästhesien klangen innerhalb weniger Wochen ab.
- Provisorische prothetische Versorgung nach 10 Tagen eingesetzt.
- Vollständig individualisierte Planung mittels CAD/CAM und 3D-Druck.
- Potenzielle Alternative zu Knochenaugmentationen bei schwerer Unterkieferatrophie.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Studie trägt zur aktuellen Entwicklung patientenspezifischer subperiostaler Implantate bei, deren Wiederaufleben unmittelbar mit den Fortschritten in der dreidimensionalen Bildgebung, der digitalen Konstruktion und der additiven Fertigung verbunden ist.
Im Gegensatz zu historischen Systemen, die durch hohe Expositions- und Implantatverlustraten gekennzeichnet waren, scheinen die neuen Generationen dank einer äußerst präzisen anatomischen Anpassung eine verbesserte biomechanische und biologische Integration zu ermöglichen.
Die vorgestellten Ergebnisse stärken die Annahme, dass patientenspezifische subperiostale Implantate für bestimmte Patienten mit schwerer Unterkieferatrophie eine relevante therapeutische Lösung darstellen könnten, wenn konventionelle rekonstruktive Optionen ungeeignet sind.
11. Redaktionelles Fazit
Diese Kohortenstudie zeigt, dass mittels 3D-Druck hergestellte patientenspezifische subperiostale Unterkieferimplantate eine zuverlässige Lösung für die Rehabilitation stark atrophierter posteriorer Regionen darstellen können. Die beobachteten Ergebnisse sind besonders ermutigend, mit einer Implantatüberlebensrate von 100 %, dem vollständigen Fehlen von Implantatexpositionen und einer bemerkenswerten Knochenstabilität während der Nachbeobachtung. Obwohl diese Resultate noch durch langfristige kontrollierte prospektive Studien bestätigt werden müssen, belegen sie das Potenzial der neuen Generation subperiostaler Implantate als glaubwürdige Alternative zu komplexen Knochenaugmentationsverfahren bei fortgeschrittener Unterkieferatrophie.
