Bibliografie
Neuer Ansatz zur Behandlung komplexer implantatgetragener Oberkiefer-Rehabilitationsfälle bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten: eine retrospektive Studie
- 20 Februar 2022
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Klinische Studien und Fallberichte
Björn Rahlf, Philippe Korn, Alexander-Nicolai Zeller, Simon Spalthoff, Philipp Jehn, Fritjof Lentge, Nils-Claudius Gellrich
Full text links: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35106688/
Neuer Ansatz zur Behandlung komplexer implantatgetragener Oberkiefer-Rehabilitationsfälle bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten: eine retrospektive Studie
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Novel approach for treating challenging implant-borne maxillary dental rehabilitation cases of cleft lip and palate: a retrospective study
- Autoren: Björn Rahlf, Philippe Korn, Alexander-Nicolai Zeller, Simon Spalthoff, Philipp Jehn, Fritjof Lentge, Nils-Claudius Gellrich
- Wissenschaftliche Zeitschrift: International Journal of Implant Dentistry
- Erscheinungsjahr: 2022
- DOI: 10.1186/s40729-022-00401-x
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die implantatgetragene Rehabilitation von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten stellt eine der komplexesten Herausforderungen der Oral- und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie dar. Diese Patienten weisen häufig eine Kombination aus Knochendefiziten, Weichgewebeveränderungen, chirurgischen Narben und skelettalen Dysbalancen auf, die konventionelle implantologische Protokolle beeinträchtigen können.
Klassische Ansätze beruhen in der Regel auf vorhergehenden Knochenrekonstruktionen, gefolgt von der Insertion dentaler Implantate und mehreren aufeinanderfolgenden chirurgischen Eingriffen. Allerdings können die Resorption von Knochentransplantaten, anatomische Schwierigkeiten und Implantatverluste die Langzeitergebnisse einschränken. In bestimmten Situationen haben Patienten bereits mehrere rekonstruktive Eingriffe durchlaufen, ohne eine dauerhafte prothetische Versorgung zu erreichen.
In diesem Zusammenhang stellt die Entwicklung individueller Implantate auf Basis von CAD/CAM-Technologien und additiver Fertigung einen interessanten Ansatz dar, um die implantatgetragene Rehabilitation der komplexesten Fälle zu vereinfachen.
3. Ziel der Studie
Ziel der Autoren war die Bewertung der klinischen Machbarkeit eines individuellen Implantats mit der Bezeichnung IPS-preprosthetic® bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die anatomische Situationen aufwiesen, welche für konventionelle implantologische Behandlungen besonders ungünstig waren.
Die Studie sollte untersuchen, ob dieser Ansatz eine stabile implantatgetragene Rehabilitation des Oberkiefers trotz erheblicher Knochen- und Schleimhautdefizite ermöglichen kann, die häufig mit früheren therapeutischen Misserfolgen verbunden sind.
4. Methodik
Es handelt sich um eine retrospektive Studie, die in der Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Hannover Medical School in Deutschland durchgeführt wurde.
Von 63 Patienten, die ein individuelles IPS-preprosthetic®-Implantat erhalten hatten, wiesen sechs Patienten eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf, die eine Rehabilitation des Oberkiefers erforderte. Vier Patienten waren im Oberkiefer vollständig zahnlos und zwei teilweise zahnlos.
Die prothetische Planung wurde digital nach einem Rückwärtsplanungsprotokoll durchgeführt. Die individuellen Implantate wurden mithilfe eines CAD/CAM-Prozesses in Kombination mit einer selektiven Laserschmelztechnologie für Titan hergestellt.
Alle Eingriffe wurden ambulant in einer einzigen chirurgischen Sitzung mit multivektorieller Schraubenfixation durchgeführt. Die postoperative Nachbeobachtungszeit variierte je nach Patient zwischen 6 und 40 Monaten.
5. Hauptergebnisse
Die berichteten Ergebnisse zeigen eine günstige klinische Stabilität während des Beobachtungszeitraums.
Keines der sechs individuellen Implantate ging während der Nachbeobachtung verloren. Die Autoren berichten außerdem, dass weder eine Lockerung der Schrauben noch eine Verringerung der Stabilität zwischen Implantat und Empfängerregion beobachtet wurde. Die durchschnittliche Anzahl der zur Fixation verwendeten Schrauben betrug 21.
Die Heilung verlief trotz ungünstiger Gewebebedingungen ohne schwerwiegende Komplikationen. Fünf Patienten wiesen insbesondere vor der Behandlung persistierende oro-nasale Fisteln auf.
Eine partielle Exposition des Implantatrahmens wurde in mehreren Fällen um bestimmte Pfeiler herum beobachtet. Nach Angaben der Autoren waren diese Expositionen mit einer Mukositis verbunden, führten jedoch weder zu einem Implantatverlust noch machten sie die Entfernung des Systems erforderlich.
Eine Sofortbelastung war in allen Fällen möglich, und fünf Patienten erhielten ihre definitive prothetische Versorgung während des Nachbeobachtungszeitraums.
6. Klinische Analyse
Diese Studie befasst sich mit einer besonders schwierig zu behandelnden Population innerhalb der Implantologie: Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die schwere Knochendefizite, ausgeprägtes Narbengewebe oder frühere Misserfolge von Knochentransplantationen und Implantaten aufweisen.
Das Hauptinteresse dieser Publikation liegt in der Verwendung eines individuellen subperiostalen Implantats, das auf Grundlage eines vollständig digitalen Workflows entwickelt wurde. Im Gegensatz zu konventionellen Protokollen, die häufig mehrere über Monate verteilte Eingriffe erfordern, zielt die vorgeschlagene Strategie darauf ab, den therapeutischen Ablauf auf ein einziges Verfahren mit der Möglichkeit einer Sofortbelastung zu reduzieren.
Die berichteten Ergebnisse legen nahe, dass eine multivektorielle Fixation fern von knochendefizitären Bereichen eine ausreichende mechanische Stabilität ermöglichen kann, selbst wenn die anatomischen Bedingungen stark beeinträchtigt sind.
Dennoch ist bei der Interpretation dieser Ergebnisse Vorsicht geboten. Die Daten beziehen sich lediglich auf sechs Patienten, und die Studie enthält keine Kontrollgruppe, die einen direkten Vergleich mit konventionellen Implantatprotokollen, Knochenrekonstruktionen oder anderen Lösungen zur Rehabilitation des Oberkiefers ermöglichen würde.
Die Ergebnisse sollten daher als vorläufige Beobachtungen betrachtet werden, die die Machbarkeit dieses Ansatzes belegen, und nicht als endgültiger Nachweis seiner klinischen Überlegenheit.
7. Klinische Anwendungen
Die dargestellten Daten können in mehreren komplexen Situationen der implantologischen Rehabilitation relevant sein:
- Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und erheblichem Knochenverlust.
- Vollständige Zahnlosigkeit des Oberkiefers in Verbindung mit kompromittierter Anatomie.
- Frühere Misserfolge von Knochentransplantationen oder dentalen Implantaten.
- Fälle, die eine implantatgetragene Rekonstruktion in einem ungünstigen narbigen Umfeld erfordern.
- Rehabilitation auf Grundlage eines individuellen CAD/CAM-Digital-Workflows.
- Patienten, die eine erneute größere Knochenrekonstruktion ablehnen oder nicht wünschen.
Die Studie legt nahe, dass individuelle Implantate eine Ausweichoption in Situationen darstellen könnten, in denen konventionelle Ansätze schwierig umzusetzen sind.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Diese Publikation entspricht einer retrospektiven Beobachtungsstudie mit einer begrenzten Serie klinischer Fälle. Das Evidenzniveau bleibt daher im Vergleich zu kontrollierten Studien oder groß angelegten prospektiven Untersuchungen moderat bis niedrig.
Mehrere Limitationen sind erkennbar:
- sehr kleine Stichprobe (sechs Patienten);
- Fehlen einer Kontrollgruppe;
- patientenabhängig unterschiedliche Nachbeobachtungszeiten;
- Fehlen eines direkten Vergleichs mit anderen chirurgischen oder implantologischen Protokollen;
- begrenzte Daten zu Langzeitergebnissen.
Die Autoren geben an, dass Björn Rahlf und Nils-Claudius Gellrich Vortragshonorare oder Reisekostenerstattungen von der Firma KLS Martin, dem Hersteller des IPS-preprosthetic®-Systems, erhalten haben. Die übrigen Autoren erklären, keine Interessenkonflikte zu haben.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Retrospektive Studie
- Evidenzniveau: Retrospektive Fallserie
- Analysierte Population: Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte
- Anzahl der Patienten: 6
- Anzahl der Implantate: 6 IPS-preprosthetic®-Implantate bei CLP-Patienten
- Nachbeobachtungsdauer: 6 bis 40 Monate
- Primär bewertetes Kriterium: Klinische Machbarkeit und Stabilität des individuellen Implantats
- Hauptergebnis: Kein Implantatverlust während der Nachbeobachtungszeit beobachtet
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Das individuelle IPS-preprosthetic®-Implantat erscheint bei komplexen anatomischen Situationen im Zusammenhang mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten realisierbar
- Mögliche Limitationen: Kleine Stichprobe, fehlende Kontrollgruppe, begrenzte mittelfristige Daten
10. Wissenschaftlicher Einfluss
Diese Studie liefert vorläufige klinische Daten zur Anwendung eines individuellen Implantats für Situationen, in denen konventionelle Protokolle an ihre Grenzen stoßen. Sie veranschaulicht die Integration digitaler Technologien, der CAD/CAM-Implantatplanung und der additiven Fertigung in die Behandlung von Patienten mit komplexen maxillären Defiziten.
Der wissenschaftliche Wert dieser Arbeit liegt weniger im Nachweis einer vergleichenden Wirksamkeit als vielmehr in der Bestätigung der Machbarkeit einer neuen therapeutischen Strategie. Die berichteten Ergebnisse zeigen, dass eine implantatgetragene Rehabilitation selbst nach mehreren rekonstruktiven Misserfolgen oder in stark kompromittierten anatomischen Situationen in Betracht gezogen werden kann.
Diese Publikation eröffnet somit neue Forschungsperspektiven hinsichtlich individueller Implantate der nächsten Generation und ihrer Rolle in der komplexen maxillofazialen Rekonstruktion. Studien mit einer größeren Patientenzahl und längeren Nachbeobachtungszeiten werden jedoch erforderlich sein, um diese Beobachtungen zu bestätigen.
11. Redaktionelle Schlussfolgerung
Diese retrospektive Studie untersucht einen innovativen Ansatz der implantologischen Rehabilitation bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die besonders komplexe klinische Situationen aufweisen. Die beobachteten Ergebnisse zeigen eine günstige klinische Stabilität des individuellen IPS-preprosthetic®-Implantats über einen Nachbeobachtungszeitraum von bis zu 40 Monaten. Trotz dieser ermutigenden Daten erfordern die geringe Stichprobengröße und das Fehlen eines Vergleichs mit anderen Protokollen eine vorsichtige Interpretation. Diese Publikation stellt in erster Linie einen Machbarkeitsnachweis dar, der zukünftige Forschungen im Bereich der digitalen Implantologie und der komplexen maxillofazialen Rekonstruktion unterstützen kann.
