Bibliografie
Patientenspezifische subperiostale Implantate aus Titan und Polyetheretherketon (PEEK): Zwei neuartige Ansätze zur Rehabilitation des stark atrophierten anterioren Oberkieferkamms
- 28 Dezember 2017
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Andere Materialien
M. Mounir, M. Atef, A. Abou-Elfetouh, M.M. Hakam
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29183698/
Patientenspezifische subperiostale Implantate aus Titan und Polyetheretherketon (PEEK): Zwei neuartige Ansätze zur Rehabilitation des stark atrophierten anterioren Oberkieferkamms
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Patientenspezifische subperiostale Implantate aus Titan und Polyetheretherketon (PEEK): Zwei neuartige Ansätze zur Rehabilitation des stark atrophierten anterioren Oberkieferkamms
- Autoren: M. Mounir, M. Atef, A. Abou-Elfetouh, M.M. Hakam
- Fachzeitschrift: International Journal of Oral and Maxillofacial Surgery
- Publikationsjahr: 2018
- DOI: 10.1016/j.ijom.2017.11.008
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Die Rehabilitation eines stark atrophierten anterioren Oberkiefers zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der modernen Implantologie und Oralchirurgie. Bei ausgeprägtem vertikalem und horizontalem Knochenverlust ist die Insertion konventioneller enossaler Implantate häufig nur nach vorgängiger Knochenaugmentation möglich. Solche rekonstruktiven Verfahren sind jedoch meist mit mehreren chirurgischen Eingriffen, längeren Behandlungszeiten sowie einem erhöhten Risiko biologischer Komplikationen verbunden.
Parallel zur Entwicklung digitaler Technologien hat das Interesse an patientenspezifischen Implantatlösungen wieder zugenommen. Moderne Bildgebung, dreidimensionale Planung und CAD/CAM-basierte Fertigungsverfahren ermöglichen heute die Herstellung individueller Implantatkonstruktionen, die präzise an die Anatomie des Patienten angepasst werden können.
Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie den Einsatz individuell gefertigter subperiostaler Implantate aus porösem Titan beziehungsweise Polyetheretherketon (PEEK) als mögliche Alternative zu komplexen augmentativen Verfahren bei ausgeprägter Oberkieferatrophie.
3. Zielsetzung der Studie
Ziel der Untersuchung war die Bewertung zweier neu entwickelter Behandlungsprotokolle zur einzeitigen Rehabilitation von Patienten mit schwerer Atrophie des anterioren Oberkiefers.
Hierzu wurden individuell geplante und gefertigte subperiostale Implantate aus porösem Titan beziehungsweise PEEK hinsichtlich ihrer klinischen und radiologischen Ergebnisse nach prothetischer Versorgung untersucht.
4. Methodik
Es handelt sich um eine monozentrische klinische Beobachtungsstudie.
Insgesamt wurden zehn Patienten mit mehreren fehlenden Frontzähnen im Oberkiefer und ausgeprägtem vertikalem sowie horizontalem Knochenmangel eingeschlossen. Die Patienten wurden zufällig in zwei Gruppen mit jeweils fünf Teilnehmern eingeteilt:
- Gruppe 1: patientenspezifische subperiostale Implantate aus porösem Titan.
- Gruppe 2: patientenspezifische subperiostale Implantate aus PEEK.
Die Implantatplanung erfolgte anhand computertomographischer Aufnahmen. Aus den DICOM-Daten wurden dreidimensionale Modelle erstellt, die zur Konstruktion individueller Implantatgerüste mit integrierten Abutments dienten. Anschließend wurden die Implantate mittels additiver Fertigungstechnologien hergestellt.
Etwa einen Monat nach der Operation erfolgte die prothetische Versorgung mit festsitzenden Acrylatbrücken. Die Nachbeobachtungszeit betrug zwölf Monate. Bewertet wurden unter anderem Implantatstabilität, Mobilität, Infektionen, Implantatexpositionen, prothetische Komplikationen sowie radiologische Veränderungen des umgebenden Knochens.
5. Hauptergebnisse
Die postoperative Heilungsphase verlief bei nahezu allen Patienten komplikationslos.
Lediglich bei einem Patienten der Titan-Gruppe trat eine Wunddehiszenz mit teilweiser Freilegung des Implantats auf. Nach lokaler Behandlung und konsequenter Mundhygiene konnte die Situation erfolgreich kontrolliert werden, sodass die geplante prothetische Versorgung durchgeführt werden konnte.
Nach zwölf Monaten zeigten alle Implantate eine stabile Funktion. Weder Implantatmobilität noch Infektionen oder prothetische Frakturen wurden beobachtet. Die Patienten berichteten über eine zufriedenstellende Funktion ihrer festsitzenden Versorgungen.
Der Vergleich zwischen den unmittelbar postoperativen Panoramaaufnahmen und den Aufnahmen nach einem Jahr zeigte keine offensichtlichen Veränderungen des knöchernen Supports im Bereich der subperiostalen Implantate. Die Autoren bewerteten daher sowohl die Titan- als auch die PEEK-Implantate als klinisch stabile Lösungen innerhalb des untersuchten Beobachtungszeitraums.
6. Klinische Analyse
Die Studie ist besonders interessant, da sie ein historisches Implantatkonzept mit modernen digitalen Technologien kombiniert. Subperiostale Implantate wurden in der Vergangenheit aufgrund von Problemen hinsichtlich Passgenauigkeit, biologischer Verträglichkeit und Langzeitstabilität zunehmend verlassen. Die heutige CAD/CAM-gestützte Planung und Fertigung eröffnet jedoch neue Möglichkeiten, diese Limitationen zu überwinden.
Die Ergebnisse legen nahe, dass patientenspezifische Implantate für ausgewählte Patienten mit ausgeprägter Oberkieferatrophie eine potenzielle Behandlungsalternative darstellen könnten. Besonders relevant erscheint dieser Ansatz in Fällen, in denen umfangreiche Knochenaufbaumaßnahmen vermieden werden sollen oder nur eingeschränkt möglich sind.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist der Vergleich zweier unterschiedlicher Werkstoffe. Poröses Titan wurde aufgrund seiner günstigen mechanischen Eigenschaften und seines potenziellen Integrationsvermögens gewählt. PEEK hingegen besitzt ein Elastizitätsmodul, das dem menschlichen Knochen näherkommt, wodurch theoretisch eine günstigere Lastverteilung erreicht werden könnte.
Trotz der positiven Ergebnisse sollten die Daten zurückhaltend interpretiert werden. Die geringe Patientenzahl sowie die auf zwölf Monate begrenzte Nachbeobachtung erlauben keine endgültigen Aussagen über die langfristige Vorhersagbarkeit oder Überlebensrate dieser Implantatkonzepte.
7. Klinische Anwendungen
Die Ergebnisse dieser Studie könnten insbesondere in folgenden klinischen Situationen von Bedeutung sein:
- Schwere Atrophie des anterioren Oberkiefers.
- Patienten mit unzureichendem Knochenangebot für konventionelle Implantate.
- Komplexe implantologische Rehabilitationen mit hohem augmentativem Aufwand.
- Fälle, in denen mehrzeitige Knochenaufbauverfahren vermieden werden sollen.
- Digitale Implantatplanung und CAD/CAM-basierte Behandlungsabläufe.
- Individuell gefertigte implantatgetragene Rekonstruktionen.
Da ausschließlich Patienten mit Defekten im anterioren Oberkiefer untersucht wurden, lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere anatomische Regionen übertragen.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine klinische Beobachtungsstudie mit begrenzter Fallzahl.
Das Evidenzniveau ist daher niedriger einzustufen als bei randomisierten kontrollierten Studien, systematischen Reviews oder Metaanalysen. Die Ergebnisse liefern erste klinische Hinweise, können jedoch keine endgültigen Therapieempfehlungen begründen.
Folgende methodische Einschränkungen sind zu berücksichtigen:
- Kleine Stichprobe mit zehn Patienten.
- Kein Vergleich mit etablierten alternativen Therapieverfahren.
- Nachbeobachtungszeit von lediglich zwölf Monaten.
- Durchführung in einem einzigen Behandlungszentrum.
Die Autoren geben an, dass die Studie eigenfinanziert wurde. Interessenkonflikte wurden in den bereitgestellten Informationen nicht angegeben.
9. Zentrale Erkenntnisse der Studie
- Studientyp: Monozentrische klinische Beobachtungsstudie.
- Evidenzniveau: Prospektive Fallserie mit vergleichenden Gruppen.
- Untersuchte Population: Patienten mit schwerer Atrophie des anterioren Oberkiefers.
- Anzahl der Patienten: 10.
- Anzahl der Implantate: 10 patientenspezifische subperiostale Implantate.
- Nachbeobachtungsdauer: 12 Monate.
- Primärer Bewertungsparameter: Klinische und radiologische Stabilität der Implantate.
- Wichtigstes Ergebnis: Alle Implantate waren nach einem Jahr funktionell stabil.
- Beobachtete Komplikationen: Eine Wunddehiszenz in der Titan-Gruppe.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Individuell gefertigte subperiostale Implantate aus porösem Titan oder PEEK zeigten innerhalb des Untersuchungszeitraums zufriedenstellende klinische Ergebnisse.
- Wesentliche Limitationen: Kleine Stichprobe, kurzer Beobachtungszeitraum und fehlende Kontrollgruppe.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Die Studie trägt zur modernen Neubewertung subperiostaler Implantate im Zeitalter digitaler Implantologie bei. Durch die Kombination aus Computertomographie, virtueller Planung, CAD/CAM-Konstruktion und additiver Fertigung demonstriert sie die Machbarkeit vollständig patientenspezifischer Implantatlösungen.
Besonders hervorzuheben ist die Untersuchung zweier unterschiedlicher Biomaterialien innerhalb desselben Behandlungskonzepts. Dadurch liefert die Arbeit erste klinische Daten zur Anwendung von porösem Titan und PEEK bei individuell gefertigten subperiostalen Implantaten.
Auch wenn die Aussagekraft aufgrund der begrenzten Fallzahl eingeschränkt ist, erweitert die Studie das verfügbare Wissen über alternative Rehabilitationsstrategien bei schwerer Kieferatrophie. Sie schafft eine Grundlage für zukünftige Untersuchungen mit größeren Patientenkollektiven und längeren Nachbeobachtungszeiten.
11. Redaktionelles Fazit
Diese klinische Studie untersucht einen innovativen Ansatz zur Versorgung stark atrophierter anteriorer Oberkiefer durch patientenspezifische subperiostale Implantate aus porösem Titan oder PEEK. Die Ergebnisse zeigen innerhalb eines Beobachtungszeitraums von zwölf Monaten eine gute klinische und radiologische Stabilität beider Implantattypen. Aufgrund der begrenzten Evidenz sollte die Interpretation vorsichtig erfolgen. Dennoch liefert die Arbeit wertvolle erste Daten zur Weiterentwicklung individualisierter, digital geplanter Implantatlösungen für komplexe rehabilitative Situationen.
