Bibliografie
Plattenepithelkarzinom im Bereich eines subperiostalen Oberkieferimplantats: Zusammenhang zwischen chronischer mechanischer Reizung und Periimplantitis – Ein Fallbericht
- 2 März 2022
- Gepostet von: anjaform
- Kategorie: Komplikationen
Takuma Watanabe, Dai Kawahara, Ryo Inoue, Tomoki Kato, Noboru Ishihara, Hidemichi Kamiya, Kazuhisa Bessho.
Full text link: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35235079/
Plattenepithelkarzinom im Bereich eines subperiostalen Oberkieferimplantats: Zusammenhang zwischen chronischer mechanischer Reizung und Periimplantitis – Ein Fallbericht
1. Wissenschaftliche Referenz
- Studientitel: Squamous cell carcinoma around a subperiosteal implant in the maxilla and the association of chronic mechanical irritation and peri-implantitis: a case report.
- Autoren: Takuma Watanabe, Dai Kawahara, Ryo Inoue, Tomoki Kato, Noboru Ishihara, Hidemichi Kamiya, Kazuhisa Bessho.
- Fachzeitschrift: International Journal of Implant Dentistry.
- Erscheinungsjahr:
- DOI:1186/s40729-022-00409-3.
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
Subperiostale Implantate wurden ursprünglich als Behandlungsoption für Patienten mit ausgeprägter Atrophie des Ober- oder Unterkiefers entwickelt, bei denen das vorhandene Knochenangebot für konventionelle enossale Implantate nicht ausreichte. Obwohl moderne Verfahren wie Knochenaugmentationen, Jochbeinimplantate sowie digitale Planungs- und CAD/CAM-Technologien ihre Anwendung heute weitgehend ersetzt haben, befinden sich zahlreiche dieser Implantate noch immer seit Jahrzehnten in Funktion. Ihre langfristige Nachsorge stellt deshalb weiterhin eine wichtige klinische Herausforderung dar.
Zu den bekannten Komplikationen subperiostaler Implantate zählen die Freilegung des Metallgerüstes, Implantatlockerungen, chronische Infektionen, Fistelbildungen sowie fortschreitende Knochenresorption. Ob eine langanhaltende Periimplantitis in Kombination mit chronischer mechanischer Reizung zur Entstehung eines oralen Plattenepithelkarzinoms beitragen kann, ist bislang nur selten beschrieben worden. Der vorliegende Fallbericht greift diese Fragestellung auf und beschreibt einen Patienten, bei dem sich nach langjähriger Implantatinstabilität und chronischer periimplantärer Entzündung ein Plattenepithelkarzinom im Bereich eines subperiostalen Oberkieferimplantats entwickelte. Damit liefert die Arbeit neue klinische Erkenntnisse zu einer außergewöhnlichen Langzeitkomplikation der Implantologie.
3. Ziel der Studie
Ziel dieses Fallberichts war die Beschreibung eines äußerst seltenen Falls eines Plattenepithelkarzinoms, das sich im Bereich eines seit etwa zwanzig Jahren bestehenden subperiostalen Oberkieferimplantats entwickelte. Die Autoren untersuchten insbesondere, ob eine chronische mechanische Reizung infolge der zunehmenden Implantatlockerung sowie eine langjährige Periimplantitis als potenzielle physikalische beziehungsweise biologische Faktoren zur Tumorentstehung beigetragen haben könnten. Darüber hinaus sollte der Fall im Zusammenhang mit dem Fehlen klassischer Risikofaktoren für Mundhöhlenkarzinome wie Tabak- oder Alkoholkonsum diskutiert werden.
4. Methodik
Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Fallbericht (Case Report) und damit um eine Studie mit niedrigem Evidenzniveau, die jedoch zur Dokumentation außergewöhnlicher klinischer Beobachtungen von besonderem Wert ist. Beschrieben wird der Verlauf eines 74-jährigen Patienten, bei dem zwanzig Jahre zuvor aufgrund einer ausgeprägten Oberkieferatrophie ein subperiostales Implantat zur prothetischen Rehabilitation des Seitenzahnbereichs eingesetzt worden war.
Die diagnostische Abklärung umfasste eine klinische Untersuchung, eine Panoramaschichtaufnahme, eine Computertomographie sowie eine Inzisionsbiopsie der palatinalen Läsion. Nach histologischer Sicherung eines Plattenepithelkarzinoms erfolgten eine neoadjuvante Chemotherapie, eine beidseitige Halslymphknotenausräumung sowie eine partielle Maxillektomie mit vollständiger Entfernung des Implantats. Zusätzlich wurden das explantierte Implantat mittels energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDX) hinsichtlich seiner Materialzusammensetzung und mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM/SEM) auf Oberflächenveränderungen untersucht. Aufgrund des beschreibenden Studiendesigns erfolgte keine statistische Auswertung oder Vergleichsanalyse.
5. Wichtigste Ergebnisse
Die klinische Untersuchung zeigte eine ausgeprägte Lockerung des subperiostalen Implantats, begleitet von einem indurierten palatinalen Ulkus, einer oropalatinalen Fistel sowie einer Freilegung des Metallgerüstes. Die bildgebenden Untersuchungen wiesen eine erhebliche Knochenresorption im Bereich des Implantats, eine nahezu vollständig gelockerte Retentionsschraube sowie eine beidseitige Sinusitis maxillaris nach. Die histopathologische Untersuchung der Biopsie bestätigte die Diagnose eines Plattenepithelkarzinoms (cT4aN2cM0).
Nach einer neoadjuvanten Chemotherapie wurde eine chirurgische Resektion mit beidseitiger Neck-Dissection, partieller Oberkieferresektion und Entfernung des Implantats durchgeführt. Die endgültige Histologie ergab ein gut differenziertes, stark verhornendes Plattenepithelkarzinom mit ausgedehnter Infiltration von Weichgewebe und Knochen. Das entfernte Implantat wies auf der knochenseitigen Oberfläche erhebliche Plaque- und Zahnsteinablagerungen auf. Die EDX-Analyse bestätigte, dass das Implantat aus Reintitan gefertigt war, während im resezierten Tumorgewebe kein Titan nachgewiesen werden konnte. Die rasterelektronenmikroskopische Untersuchung zeigte hingegen mehrere Mikrorisse, die mit einer lokal begrenzten Lochkorrosion (Pitting-Korrosion) vereinbar waren. Auf Grundlage dieser Befunde bewerten die Autoren die chronische Entzündung und die langjährige mechanische Reizung als wahrscheinlich bedeutsamere Einflussfaktoren als eine direkte Beteiligung von Titanpartikeln.
6. Klinische Analyse
Dieser Fallbericht beschreibt eine außergewöhnliche klinische Situation, bei der mehrere langfristige implantatbedingte Komplikationen möglicherweise gemeinsam zur Entstehung eines Plattenepithelkarzinoms beigetragen haben. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass aus den vorliegenden Beobachtungen kein kausaler Zusammenhang zwischen dem subperiostalen Implantat und der Tumorentwicklung abgeleitet werden kann. Vielmehr wird die Hypothese diskutiert, dass chronische mechanische Reizung und eine langanhaltende Periimplantitis gemeinsam ein biologisches Milieu geschaffen haben könnten, das eine maligne Transformation begünstigte.
Der klinische Verlauf unterstützt diese Überlegung. Bereits kurz nach der Implantation ging eine der beiden Retentionsschrauben verloren, wodurch die Stabilität des Implantats dauerhaft beeinträchtigt wurde. Im Laufe der Jahre nahm die Beweglichkeit des Implantats kontinuierlich zu. Dadurch kam es wiederholt zum direkten Kontakt des Metallgerüstes mit der palatinalen Schleimhaut. Gleichzeitig entwickelten sich eine chronische Fistel, eine Implantatfreilegung und eine über Jahre unbehandelte Periimplantitis. Nach Ansicht der Autoren könnten diese dauerhaft bestehenden mechanischen und biologischen Reize wesentlich zur chronischen Entzündungsreaktion beigetragen haben.
Auch die Untersuchung des entfernten Implantats liefert klinisch relevante Hinweise. Die ausgeprägten Plaque- und Konkrementablagerungen sprechen für eine langjährige bakterielle Besiedlung. Während die REM-Untersuchung Zeichen einer lokalisierten Korrosion zeigte, konnte im Tumorgewebe kein Titan nachgewiesen werden. Daher sehen die Autoren in diesem Einzelfall keinen überzeugenden Hinweis darauf, dass Titanpartikel selbst eine wesentliche Rolle bei der Karzinomentstehung gespielt haben. Stattdessen rücken chronische Entzündungsprozesse und mechanische Belastungen in den Mittelpunkt der Diskussion.
Für die implantologische und oralchirurgische Praxis verdeutlicht dieser Fall, dass persistierende Ulzerationen, Fisteln, Implantatexpositionen oder zunehmende Implantatlockerungen nicht ausschließlich als mechanische Komplikationen betrachtet werden sollten. Bestehen solche Veränderungen über längere Zeit oder zeigen sie ein atypisches Erscheinungsbild, sollte eine weiterführende Diagnostik einschließlich einer Biopsie in Betracht gezogen werden, um eine maligne Erkrankung auszuschließen. Gleichzeitig unterstreicht der Fall die Bedeutung einer konsequenten Langzeitnachsorge bei Patienten mit älteren subperiostalen Implantaten.
7. Klinische Bedeutung
Obwohl dieser Bericht lediglich auf einem einzelnen klinischen Fall basiert, vermittelt er mehrere praxisrelevante Erkenntnisse für Implantologen, Oralchirurgen und alle Behandler, die Patienten mit komplexen implantatgetragenen Rehabilitationen langfristig betreuen.
Zunächst unterstreicht die Arbeit die Bedeutung einer lebenslangen Nachsorge bei Patienten mit noch funktionierenden subperiostalen Implantaten, insbesondere wenn diese vor mehreren Jahrzehnten eingesetzt wurden. Mechanische Komplikationen wie Implantatlockerung, Freilegung des Metallgerüstes oder Verlust der Retention sollten nicht ausschließlich als prothetische Probleme betrachtet werden, da sie mit chronischen biologischen Komplikationen einhergehen können.
Darüber hinaus verdeutlicht der Fall, dass persistierende periimplantäre Entzündungen in Verbindung mit chronischen Ulzerationen, Fistelbildungen oder freiliegenden Implantatstrukturen eine sorgfältige diagnostische Abklärung erfordern. Heilen solche Veränderungen trotz geeigneter Therapie nicht ab oder zeigen sie ein ungewöhnliches klinisches Erscheinungsbild, sollte eine histopathologische Untersuchung zur Ausschlussdiagnostik einer malignen Erkrankung erwogen werden. Die Autoren leiten daraus jedoch keine allgemeingültige Kausalität zwischen Periimplantitis und Mundhöhlenkarzinomen ab, sondern weisen auf die Notwendigkeit einer differenzierten klinischen Beurteilung hin.
Schließlich hebt die Studie die Bedeutung strukturierter Erhaltungsprogramme hervor. Eine regelmäßige Kontrolle der periimplantären Gewebe, eine konsequente Biofilmkontrolle sowie die frühzeitige Behandlung mechanischer Defekte können dazu beitragen, chronische Entzündungsprozesse langfristig zu begrenzen. Diese Aspekte besitzen insbesondere bei historischen Implantatsystemen, die sich noch immer im klinischen Einsatz befinden, eine hohe Relevanz.
8. Evidenzniveau, Limitationen und Transparenz
Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um einen Fallbericht (Case Report) und damit um eine Studie mit niedrigem Evidenzniveau. Ihr wissenschaftlicher Wert liegt vor allem in der Dokumentation einer bislang außergewöhnlich selten beschriebenen klinischen Konstellation sowie in der Entwicklung möglicher pathogenetischer Hypothesen. Die Ergebnisse dürfen daher nicht als Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs interpretiert werden.
Die wesentlichen methodischen Einschränkungen ergeben sich unmittelbar aus dem Studiendesign. Beschrieben wird lediglich ein einzelner Patient, ohne Kontrollgruppe oder statistische Auswertung. Aussagen zur Häufigkeit dieses Ereignisses oder zur Stärke eines möglichen Zusammenhangs zwischen chronischer mechanischer Reizung, Periimplantitis und Karzinomentstehung lassen sich daraus nicht ableiten. Die vorgeschlagenen Mechanismen beruhen auf der zeitlichen Abfolge der klinischen Ereignisse sowie auf den histopathologischen und materialwissenschaftlichen Untersuchungen.
Hinsichtlich der wissenschaftlichen Transparenz geben die Autoren an, keine Interessenkonflikte zu haben. Eine externe finanzielle Förderung der Studie wird nicht angegeben. Darüber hinaus wurde die Einwilligung des Patienten zur Veröffentlichung entsprechend den ethischen Anforderungen eingeholt.
9. Kernaussagen der Studie
- Studientyp: Fallbericht (Case Report).
- Evidenzniveau:
- Studienpopulation: Ein Patient mit einem Plattenepithelkarzinom im Bereich eines subperiostalen Oberkieferimplantats.
- Patientenzahl:
- Nachbeobachtungszeit: Das Implantat befand sich etwa 20 Jahre in Funktion; die postoperative Nachbeobachtungsdauer wird nicht näher angegeben.
- Primärer Untersuchungsgegenstand: Analyse eines seltenen Plattenepithelkarzinoms im Zusammenhang mit langjähriger Implantatlockerung und chronischer Periimplantitis.
- Wichtigstes Ergebnis: Die Autoren diskutieren, dass chronische mechanische Reizung und eine persistierende Periimplantitis wesentliche Faktoren für die beobachtete chronische Entzündung gewesen sein könnten, während im Tumorgewebe keine Titanablagerungen nachgewiesen wurden.
- Wissenschaftliche Schlussfolgerung: Persistierende periimplantäre Läsionen im Bereich freiliegender subperiostaler Implantate sollten sorgfältig untersucht werden; bei atypischen Veränderungen sollte auch eine maligne Erkrankung differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden.
- Limitationen: Einzelfall, fehlende Kontrollgruppe, keine Möglichkeit zum Nachweis eines Kausalzusammenhangs und eingeschränkte Übertragbarkeit der Ergebnisse.
10. Wissenschaftliche Bedeutung
Diese Arbeit erweitert die implantologische Fachliteratur durch die Beschreibung eines nach Angaben der Autoren bislang nicht berichteten Falls eines Plattenepithelkarzinoms im Zusammenhang mit einem subperiostalen Oberkieferimplantat. Obwohl es sich um eine außergewöhnlich seltene Beobachtung handelt, verdeutlicht sie, dass langfristige biologische Komplikationen historischer Implantatsysteme auch Jahrzehnte nach ihrer Insertion auftreten können.
Über die reine Falldokumentation hinaus regt die Studie eine wissenschaftliche Diskussion über das mögliche Zusammenwirken chronischer mechanischer Belastung und persistierender Entzündungsprozesse an. Die ergänzenden histopathologischen Untersuchungen sowie die Materialanalysen des explantierten Implantats liefern zusätzliche Informationen zur Interpretation der beobachteten Veränderungen und sprechen in diesem Einzelfall eher für entzündliche Mechanismen als für einen direkten Einfluss von Titanpartikeln.
Aus wissenschaftlicher Sicht macht der Bericht deutlich, dass weitere klinische Untersuchungen erforderlich sind, um die Langzeitfolgen alter subperiostaler Implantatsysteme besser zu verstehen. Größere Beobachtungsstudien wären notwendig, um zu prüfen, ob sich die in diesem Fall diskutierten Zusammenhänge auch in größeren Patientenkollektiven bestätigen lassen.
11. Redaktionelles Fazit
Dieser Fallbericht beschreibt eine außergewöhnlich seltene Manifestation eines Plattenepithelkarzinoms im Bereich eines langjährig funktionierenden subperiostalen Oberkieferimplantats bei gleichzeitiger chronischer Implantatlockerung und persistierender Periimplantitis. Auch wenn aus dieser Einzelbeobachtung keine kausalen Schlussfolgerungen gezogen werden können, unterstreicht sie die Bedeutung einer konsequenten Langzeitnachsorge, einer regelmäßigen periimplantären Erhaltungstherapie sowie einer sorgfältigen Abklärung chronischer oder atypischer Weichgewebsläsionen. Für Implantologen und Oralchirurgen stellt diese Arbeit eine wichtige Erinnerung dar, ungewöhnliche periimplantäre Veränderungen frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf histopathologisch abzuklären.
